Die Couch und die Psychologie

Die Stadt auf der Couch

Wie geht es Ihrer Stadt? Was würde Ihnen fehlen, wenn Sie von hier wegziehen würden? Mit solchen Fragen versuchen Psychologen die Beziehung der Einwohner zu ihrer Gemeinde auszuloten und in der Folge die Identifikation mit ihrer Umgebung zu fördern.

Wie geht es Ihrer Stadt? Was würde Ihnen fehlen, wenn Sie von hier wegziehen würden? Mit solchen Fragen versuchen Psychologen die Beziehung der Einwohner zu ihrer Gemeinde auszuloten und in der Folge die Identifikation mit ihrer Umgebung zu fördern.

Das Bild eines Ortes, der sich analysieren lässt, ist zumindest zum Teil stimmig: Durch ihre zahllosen Interviews mit Bürgermeistern und Anwohnern, bekommt die Wiener Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer einen guten Eindruck wie es um eine Gemeinde bestellt ist.

Die Wissenschaftlerin arbeitet mit dem Verfahren der "aktivierenden Stadtdiagnose". Die Stadt aus der Sicht ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zu verstehen, ist dabei der zentrale Ansatz. Darüber hinaus betrachtet sie die Stadt als ein "lebendiges Wesen", als einen Organismus, der je nach Verfassung traurig, zufrieden oder unausgelastet sein kann.

"Wenn es allen Bewohnern gut geht, ist die Stadt attraktiv"

Die Partizipation ist ein Grundprinzip der Stadtpsychologie. Für einen Erfolg bedarf es der Beteiligung der Anwohner sowie dem Versprechen der Politiker die Ergebnisse der Untersuchungen auch umzusetzen.

In einer burgenländischen Gemeinde etwa versuchte die Stadtpsychologin auch die Randgruppen mit einzubeziehen, die sonst nie bei gemeindepolitischen Anliegen befragt wurden, mit Erfolg: neue Ideen wurden eingebracht, alte Ressentiments abgebaut.

Baumaßnahmen oder Investitionen reichen nicht aus

Man hat inzwischen erkannt, dass Problemviertel oder sterbende Geschäftsstraßen nicht allein durch Baumaßnahmen oder Investitionen wieder einen Aufschwung erleben. In Berlin konzentriert sich das Konzept "soziale Stadtteilentwicklung" vor Allem auf Problemviertel wie Neukölln. Ein Viertel, das durch die Probleme an der Rütli-Schule in den letzten Wochen neuerlich in die Schlagzeilen geraten ist.

Um die Probleme mit Hilfe der Einwohner zu bekämpfen, wurde ein Bürgergutachten erstellt. 80 willkürlich ausgewählte Bürger beschäftigten sich mit Hilfe von Experten, die unterschiedliche Meinungen vertraten, mit Problemen des Heimatviertels. Sie wurden bezahlt wie Gutachter und erarbeiteten eine Stärken-Schwächen-Analyse. Das Ergebnis: Wohnstraßen entstanden, Anlaufstellen für Anrainer wurden eingerichtet, Quartierscafés beleben die Gegend.

Stadtforschung

Bereits in den 1920er Jahren beschäftigten sich Psychologen mit den Themen Stadt, Architektur und Wohlbefinden. Die ersten Ansätze zur psychologischen Stadtforschung gab es in den USA: die Überschneidung mit anderen Disziplinen wie der Architektur-, Umwelt- und Gemeindepsychologie der 1960er Jahre prägten neue Entwicklungen.

Heute versucht man, vor Allem im Rahmen der weltweit laufenden Agenda 21, Forschung und Beteiligungsverfahren zusammenzuführen. Auf diese Weise können Verhältnisse geschaffen werden, die zu größerer Zufriedenheit führen: Denn Lebensräume für die sich niemand interessiert, so die Psychologen, "sterben" letztendlich.

Hör-Tipp
Dimensionen, Dienstag, 11. April 2006, 19:05 Uhr

Download-Tipp
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Buch-Tipps
Trojan, Legewie, "Nachhaltige Gesundheit und Entwicklung. Leitbilder, Politik und Praxis der Gestaltung gesundheitsförderlicher Umwelt- und Lebensbedingungen", Verlag für Akademische Schriften (VAS), ISBN 388864299X

Alexander Keul, "Wohlbefinden in der Stadt. Umwelt- und gesundheitspsychologische Perspektiven", Beltz, ISBN 3621273018

Link
Stadtpsychologie.at