Mit Holz und Lehm

Architekten der Wüste

Die Stadt Schibam im jemenitischen Hadramaut-Tal zählt zum Weltkulturerbe und ist eine der eindrucksvollsten Lehmstädte der Wüste, allein wegen der einzigartigen Architektur der bis zu sieben Stockwerke hohen Lehmhäuser.

Im Süden Arabiens, zwischen der Wüste Rub al Khali und dem Golf von Aden liegt das Hadramaut-Tal, in seinem Zentrum: die Stadt Shibam.

Wegen der einzigartigen Architektur der bis zu sieben Stockwerke hohen Lehmhäuser nannten sie europäische Reisende "Chicago der Wüste". Die Einheimischen selbst nennen die Stadt Schibam-el-Safra, die "Gelbe Stadt".

Einst war Shibam prosperierende Handelsstadt, strategisch günstig an der berühmten Weihrauchstraße gelegen. Zweimal in ihrer 1700 Jahre alten Geschichte wurde sie überflutet und total zerstört.

Auf den Fundamenten der alten Häuser baute man Neue auf, Stock um Stock, immer höher, himmelwärts. Faszinierend dabei die über Jahrhunderte ausgeklügelte Statik der Hochhäuser, stehen sie doch auf keinem soliden Untergrund.

Einzigartige Bautechnik

Die einheimischen Baumeister haben im Laufe der Jahrhunderte mit den beiden ihnen verfügbaren Baumaterialen Holz und Lehm eine Technik entwickelt, die den Bau der Lehmhochhäuser erst ermöglichte. Die dicken Lehmmauern wirken einerseits Feuchtigkeit regulierend und schützen vor Hitze, andererseits sind sie flexibel genug, um auch größere Erdstöße zu verkraften.

Nicht ein einziges Mal in der Geschichte kollabierte ein bewohntes Lehmhaus. Nur den Wasserfluten konnten die Gebäude nicht Stand halten.

Keine Baustoffe für die Ewigkeit

Auf den Fremden wirkt die Stadt wie eine vielschichtige Hochzeitstorte mit Zuckerglasur. Doch was wie auf den ersten Blick wie Zuckerguss wirkt, ist Noura, eine wasserresistente Paste aus Gips, Vulkanstein und gebranntem Kalk. Sie verhindert, dass Wind und sporadische Wolkenbrüche den Lehmhäusern zusetzen können.

Doch Lehm und Holz sind keine Baustoffe für die Ewigkeit. Die Häuser bedürfen der ständigen Obsorge und Instandhaltung. Sonst droht ihr rapider Verfall.

Eine Frage des Geldes

1967, als die sozialistische Revolution die britische Kolonialzeit ebenso beendete wie die Zeit der Sultane und der wohlhabenden Kaufleute, ging auch die Blütezeit von Shibam rasant zu Ende. Die geistige und wirtschaftliche Elite des Landes flüchtete ins Exil. Zurück blieb der verarmte Teil der Bevölkerung, der in den folgenden 30 Jahren kaum in die Instandhaltung der Lehmhäuser investieren konnte und wollte.

Die Häuser verfielen und auch die Aufnahme Shibams in die Liste "Weltkulturerbe der Menschheit" konnte nicht verhindern, dass die Stadt einen Niedergang erlebt und der Altstadtkern langsam entvölkert wird.

Beton statt Lehm

Das akute Problem besteht darin, dass ein Neubau außerhalb der Stadtmauern bei weitem billiger kommt, als ein bestehendes Haus zu revitalisieren. Wer auf sich hält und seinen ökonomischen Wohlstand zur Schau tragen will, der baut sein Haus aus Beton, nicht aber aus Lehm.

Seit Jahren bemüht sich ein Projekt der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), den Verfall der Lehmbauten aufzuhalten. Mit wachsendem Erfolg.

Noch fließen finanzielle Zuschüsse aus dem Ausland in das ehrgeizige Projekt, mit dem die Einheimischen ermuntert werden sollen, Häuserruinen in traditionellem Baustil zu revitalisieren statt Neubauten außerhalb der Stadtmauern zu errichten. Doch bald soll das Projekt aus Einnahmen des Kulturtourismus autark wirtschaften können.

Hör-Tipp
Dimensionen, Montag, 3. April 2006, 19:05 Uhr

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