Genetische Verwandtschaften
Was macht Menschen zu Menschen?
Mit der Entschlüsselung des Erbgutes von Tieren hofft man, menschliche Krankheiten besser zu verstehen. Das trifft auch beim Schimpansen zu. Viele Forscher hoffen, auch die psychologische Ähnlichkeit zwischen Mensch und Affe genetisch erklären zu können.
8. April 2017, 21:58
Neben Katze, Hund und Maus hat auch der Schimpanse wertvolle Dienste für die Humanmedizin geleistet: Durch die Infektion von Schimpansen mit Hepatitis B konnte zum Beispiel ein Impfstoff gegen diese Krankheit entwickelt werden. Nach wie vor sind die Primaten für die Entwicklung von Impfstoffen gegen Aids von Bedeutung. Allerdings ist nur ein Teil der wissenschaftlichen Neugier auf das Schimpansen-Genom darauf zurückzuführen.
Zählbare Unterschiede
Bisher wurde angenommen, dass der Unterschied zwischen der genetischen Ausstattung des Menschen und der des Schimpansen nur zwei oder eineinhalb Prozent ausmache. Jetzt weiß man es ganz genau: Das Genom des Menschen wie auch das des Schimpansen besteht aus etwa drei Milliarden Basenpaaren. Unterschiede zwischen uns und dem Schimpansen gibt es an 40 Millionen Stellen. Menschen haben 50 Gene, die es beim Schimpansen nicht oder nur unvollkommen ausgeprägt gibt - bzw. umgekehrt.
Ein paar Ergebnisse, die für die Humanmedizin von Bedeutung sind, stechen heraus: Menschen sind etwa drei Gene abhanden gekommen, die für Entzündungen verantwortlich sind. Dafür besitzen Schimpansen das so genannte Caspase-12-Gen, das vor Alzheimer schützt.
Unterschiedliche Geschwindigkeiten
Am Max Planck Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig fand man heraus, dass sich sowohl beim Menschen, als auch bei Schimpansen die für das Gehirn zuständigen Gene schneller veränderten als die für die Leber.
Doch beim Menschen lief dieser Prozess noch ein wenig schneller ab als bei den Schimpansen. Das könnte ein möglicher Hinweis auf die Evolution des Gehirns sein und vielleicht ein Schritt näher zur Beantwortung der Frage: Was macht den Menschen zum Menschen?
Die Fähigkeit zu zählen
Marc Hauser, der Direktor des Labors für kognitive Evolution an der Universität Harvard, erforscht die Entwicklung von mathematischen und sprachlichen Fähigkeiten. Er erwartet aus der Interpretation der Erbinformationen viele weiterführende Erkenntnisse.
"Kleinkinder, Schimpansen und viele andere Arten können kleine Zahlen, bis etwa zur Zahl Vier, genau bestimmen und höhere nur ungefähr. Größere Zahlen können Tiere nicht präzise quantifizieren. Warum ist das so? Dazu müssen wir verstehen, wann ein Kleinkind in seiner Entwicklung die Fähigkeit, große Zahlen präzise anzugeben, erwirbt. Was entwickelt sich in uns, das sich bei Tieren nie entwickelt? Wenn wir das wissen, können wir uns anschauen, was Gene jeweils im Hirn bewirken und die Unterschiede aufzeigen", erklärt der Verhaltensforscher.
Diese Erkenntnisse kann weder der Kognitionsforscher noch der Genom-Experte allein liefern. Deshalb plädiert Marc Hauser für interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Bonobons, Schimpansen und der Mensch
Marc Hauser befürwortet weiters die Analyse anderer Primatengenome, vor allem das des Bonobos. Diese auch Zwergschimpansen genannten Menschenaffen sind im Tierreich einzigartig: Ihre Gesellschaftsstruktur ist als Matriarchat organisiert, und sie halten sich bei sozialen Konflikten strikt an das Hippie-Motto: Make love not war.
Genetisch sind Bonobos mit Schimpansen näher verwandt als die Schimpansen mit den Menschen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Neuroanatomische Studien haben Unterschiede im Stirnlappenbereich zwischen den beiden Schimpansenarten aufgezeigt. Der des Bonobos ist dem menschlichen ähnlicher. Diese Hirnregion spielt eine Rolle bei der Fähigkeit, Emotionen zu kontrollieren:
"Natürlich würden wir lieber von den Bonobos als von den Schimpansen abstammen. Aber das kann nicht stimmen. Alle menschlichen Gesellschaften führten und führen Kriege, in der Vergangenheit und in der Gegenwart, und die Männer dominieren die Frauen", sagt Marc Hauser.
Die Menschen seien daher eine Mischung aus Bonobos und Schimpansen. Die Frage ist jetzt: Wie kann uns das Genom dabei helfen, dass wir verstehen, was wir von wem übernommen haben?
Hör-Tipp
Dimensionen, Montag, 27. Februar 2006, 19:05 Uhr
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