"Ich habe das alles überlebt"

Josef Burg, der letzte jiddische Autor in Czernowitz, kann nicht mehr schreiben. Er kann auch nicht mehr lesen. Er ist fast blind. Die Sprache ist ihm geblieben. Und er erzählt gerne und ausführlich von seinem oft schwierigen Leben.

"Ich bin ein junger Mann! Ich bin nur 93! Was ist schon 93 im Vergleich zu 1.000!" Das war anlässlich seines Geburtstags am 30. Mai 2005.

In der "Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung" war 1999 zu lesen: "Josef Burg ist seit dem Tod von Isaac Bashevi Singer der letzte noch lebende große jiddische Schriftsteller dieses Jahrhunderts". Inzwischen hat ein neues Jahrhundert begonnen, und immer noch empfing der jiddische Dichter Josef Burg Besucher aus aller Welt in seiner Wohnung in Czernowitz.

Jiddisch leben

Jiddisch, Deutsch, Rumänisch, Russisch - mit vielen Sprachen war Josef Burg aufgewachsen, mit vielen Sprachen hatte er immer gelebt, doch als Schriftsteller ist er beim Jiddischen geblieben.

Am 30. Mai 1912 wurde Josef Burg unweit von Czernowitz geboren, in Wischnitz. In einem Text - natürlich geschrieben auf Jiddisch - erinnerte er sich an seine Kindheit. Josef Burg sprach den Text bei einem Besuch frei, aus dem Gedächtnis - lesen konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr: "Einen schönen Monat hatte sich meine Mutter ausgesucht, um mit ihrem Erstgeborenen im Kindbett zu liegen, einen Monat des Blühens und der Erneuerung. Auch hatte sie einen schönen, Ehrfurcht gebietenden Tag gewählt, den Sabbat-Vorabend." Das Zitat stammt aus Josef Burgs Buch "Sterne altern nicht".

Erste Versuche

Zwölf Jahre war Josef Burg alt, als er 1924 erstmals nach Czernowitz, in die Hauptstadt der Bukowina kam. Der Sohn eines Flößers - "für einen Juden ein seltener Beruf", sagte Burg - aus der Provinz kommt plötzlich in eine große, vielsprachige Stadt. "Als ich nach Czernowitz kam, war das, als sei ich auf einen anderen Planeten gekommen", erinnerte sich Josef Burg im Buch "Irrfahrten", in dem er dem deutschen Journalisten Michael Martens aus seinem Leben erzählt hat.

"Ich ging gern zur Schule, ich liebte die Bücher, ich las viel." Die Eltern, einfache Arbeiter, waren davon nicht begeistert. "Meine Eltern haben gesagt, bei uns in der Familie sind keine Professoren, du musst ein Handwerk lernen, um zu leben. Such dir etwas." Mit 13 hat Burg sein Elternhaus verlassen und ist zu seinem Cousin nach Czernowitz gezogen. Er wollte Lehrer werden. Zwei Jahren später gab er schon Privatstunden.

"Zu dieser Zeit bin ich einem der größten jiddischen Schriftsteller begegnet, Elieser Steinbarg, das war ein Fabeldichter, und nebstbei auch einem sehr jungen Dichter, das war Itzig Manger", erinnerte Burg. "Diese zwei Persönlichkeiten, Dichter, haben einen ungeheuer großen Einfluss auf mich gehabt."

"Ich habe ein Gedicht in Jiddisch geschrieben und habe es Steinbarg gezeigt. Er sagte, ein jiddischer Dichter zu sein, und überhaupt ein Dichter, ein Schriftsteller zu sein, ist eine sehr schwere Sache, aber ein anständiger Mensch zu sein, das ist sehr leicht. Das wünsche ich dir in deinem Leben. Wie weit ich ein anständiger Mensch wurde in meinem Leben, das weiß ich nicht, aber dass ich ein Dichter, ein Schriftsteller geworden bin, das verdanke ich an erster Stelle Elieser Steinbarg."

"Wer braucht Jiddisch?"

Nach dem Ende des Habsburgerreiches war Bukarest zur Hauptstadt geworden, die Bukowina gehörte nun zu Rumänien. Josef Burg ging zunächst nach Bukarest, wo Texte von ihm in der jiddischen literarischen Zeitschrift "Die Woch" erschienen. Von Bukarest fuhr der junge Autor Josef Burg weiter nach Wien. Seine Tante lebte damals in Wien, im 2. Bezirk. Und bei ihr konnte Josef Burg wohnen.

In Wien hatte er angefangen, Jiddisch zu schreiben. "Wer braucht Jiddisch?" Sein eigener Vater konnte nicht verstehen, dass sein Sohn seine Texte auf Jiddisch schreiben wollte, wo doch Deutsch die "richtige" Sprache" war. Josef Burg erinnerte sich an kurze Begegnungen mit Franz Werfel und anderen Dichtern. Er war oft zu Gast im Jüdischen Theater im Wiener Prater. Ein Foto vom Oktober 1937 zeigt Josef Burg im Kreis anderer jüdischer Dichter im Cafe Central in Wien.

Dann kam der so genannte "Anschluss". Als in Österreich die ersten Deportationen von jüdischen Familien begannen, hatte Josef Burg Wien verlassen. Er fuhr zurück nach Czernowitz.

Weiter nach Russland

Inzwischen hatte Josef Burg zwei Bücher veröffentlicht, aber seine Laufbahn als Schriftsteller sollte für viele Jahre unterbrochen werden. Am 20. Juli 1940 marschierte die Rote Armee in Czernowitz ein. "Damals glaubte ich an die Sowjetunion", hatte sich Josef Burg später erinnert. "Wir wollten ein Paradies auf Erden! Wir wollten einen Staat, in dem nicht mehr geschrieen wird: Nieder mit den Juden!" Josef Burg kam nach Saratow, in die Wolgarepublik.

1941 wird die Wolgarepublik aufgelöst, es kommt zur Deportation aller dort lebenden Deutschen. Alle Deutschen im Ort Rosendamm, dem Josef Burg zugeteilt worden war, werden abgeholt, nur Josef Burg bleibt allein zurück. "Ich fürchtete meinen eigenen Schatten", erinnert sich Josef Burg an dieses Alleinsein im verlassenen Dorf. "Was haben Sie denn gemacht, die ganze Zeit?", fragt der Journalist Michael Martens Josef Burg im Buch "Irrfahrten". Burgs Antwort: "Nichts. Ich bin verrückt geworden."

20 Jahre hat Josef Burg in Russland gelebt, "schöne Jahre und fürchterlich schlechte Jahre. Ich will mich an diese Zeit nicht erinnern. Es waren die schwersten Jahre meines Lebens."

Durchbruch als Schriftsteller

1959 kehrte Josef Burg nach Czernowitz zurück, er arbeitete wieder als Lehrer, später widmete er sich ganz dem Schreiben. Er schrieb für literarische Zeitschriften, auch im Ausland, zahlreiche Veröffentlichungen in Paris und in Warschau halfen, auch zu Hause als Schriftsteller anerkannt zu werden. Ab den 1980er Jahren konnte Josef Burg regelmäßig Bücher veröffentlichen, einige erschienen auch auf Russisch, mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren.

Späte Ehrung

Zu seinen letzten runden Geburtstagen stellten sich zahlreiche Ehrungen ein - die Gasse, in der sein Elternhaus in Wischnitz stand, heißt inzwischen Josef-Burg-Gasse, Fotografien an den Wänden in seiner Wohnung zeigen den Schriftsteller bei offiziellen Verleihungen, der jiddische Dichter Josef Burg wurde - spät, aber doch - gefeiert.

1940 war sein zweites Buch erschienen, 40 Jahre später, 1980 sein drittes Buch. Ob der Erfolg, die Anerkennung als Schriftsteller zu spät gekommen sei, ist er für die Ö1 Sendungun "Menschenbilder" im Jahr 2005 gefragt worden. Zu spät? "Es ist schon zu spät, alle diese Anerkennungen haben nicht diesen Klang, nicht diese Freude."

"Wäre ich vor dem Jahr 1980 gestorben, ich würde mit drei Zeilen im Lexikon der jüdischen Literatur stehen", sagt Josef Burg. Inzwischen dürften dort schon viel mehr Zeilen über ihn und sein Werk angeführt sein.

Mehr zum Tod von Josef Burg in oe1.ORF.at