Über zivilisatorische Meilensteine

Hurra! ruft Afrika

Mit zehn Cent pro Becher Funkhaus-Automatenkaffee kann man Unternehmen fördern, die zu Kaffeebauern weniger niederträchtig sind, als politische Wahlwerbung im Herzen Europas mitunter sein darf. Wie kann das sein?

"Nazianalratswahlen". Mein Schreibprogramm gibt vor, dieses Wort zu kennen. Mir persönlich gefiele "Nationalratz" besser. Das Schreibprogramm lässt jedoch nicht mit sich reden. Es akzeptiert zwar auch den Nationalratz, aber der Nazianalrat ist ihm entschieden lieber. Mir ist das zu ordinär. Ich schau' auch fast keine Plakatwerbungen mehr an.

Tochter H. interessierte sich kürzlich: "Wie heißt noch einmal der blöde Mann, der immer so 'Tscho-tscho-tscho’ sagt?" Mir fielen gleich wieder die Wahlplakate ein. (Es ist gut, es ist wichtig, dass manche Dinge sich nicht verändern. Das zum Deppert sein unabdingbare Reptiliengehirn des Menschen würde sonst verkümmern. Es gehört gefüttert. Es wird gefüttert.)

Ich war einmal zwölf und ich war einmal dreizehn, da waren die Schlimmen die Coolen, und die Schlimmen liebäugelten mit nationalsozialistischem, faschistischem, rassistischem, ausländerfeindlichem Gedankengut. Die anderen von der Sozialistischen Jugend waren so komisch gut angezogen und trotzdem völlig schmuddelig, sprachen in ganzen Sätzen und wirkten also unerhört gebildet. Ich hatte mit zwölf und ich hatte mit dreizehn eher Freunde aus der ersteren Neigungsgruppe. Das war immer aufregend. Sachen kaputtmachen. Auf irgendwen hinschimpfen. Alle Ausländer hassen.

Mit vierzehn war der Spuk vorbei. Ich hatte M. kennen gelernt, er wurde mein bester Freund, und wir flötzten reifen Damen die Hüte von den Köpfchen. Flötzen ist ein Ausdruck, den ich nur in Wien gehört habe, er ist degoutant und meint das druckvolle Blasen eines im besten Falle harten kleinen Gegenstands durch ein aufgrund seiner Dicke und Länge dazu geeignetes Rohr. Schlimm war ich nun selbst, und es tat gut, die violett-weißen Häupter leuchten zu sehen.

Irgendwann endet auch des dümmsten Zeitgenossen Dummheit. Die meine hat sich weitgehend verflüchtigt, ich bin heute voll der Weisheit und des Edelmuts, ich hasse kaum noch und ich flötze viel weniger. Dennoch ist die Aussage von "irgendwann" bis "Dummheit" eine Falschaussage. Desgleichen wäre es falsch zu behaupten, allfällig verbliebene Dummheit verhindere einen sozialen Aufstieg bis in die hohe Politik! Mit Dummheit meine ich übrigens die Eigenschaft, ein Arschloch zu sein.

Tochter H. hatte einige Tage vor oben erwähnten Frage an ihre Mutter im Fernsehen Adolf Hitler sprechen gesehen.

Ein über alle Ufer tretendes Hurra überschwemmt - by the way - zurzeit den vierten Bezirk und Afrika. Im Funkhaus haben wir jetzt einen neuen Kaffeeautomaten. Man kann wählen zwischen Fair-Trade-Kaffeepulver mit warmem Wasser einerseits und frisch gemahlenem, mit heißem Wasser zubereitetem, aber unfair gehandeltem Kaffee andererseits. Letzterer ist dafür um zehn Cent billiger.

Der anständige Kaffeetrinker steht vor einer schwierigen Entscheidung. Wie so oft, seit es Fair Trade gibt. Ich frage Kollegin K., was sie von unserem Neuzugang hält. Sie meint, dass man immerhin an Fair Trade erinnert wird. Ich füge hinzu: Dass es teuer ist und scheiße schmeckt.

Der anständige Kaffeetrinker tut einen klaren Schritt zur Seite. Das Fundament des redlichen Agierens, angeätzt und aufgeweicht durch die rasant vertrocknenden Ozeane der Lohnarbeit, wird zu Pulver aus Dritte-Welt-Kaffee.

Hurra! ruft jetzt Afrika.

Ich entgegne: Sehr hurra. Dann drücke ich auf "Fair Trade Cappuccino" und blicke traurig, aber gelangweilt drein. "In Wien gibt es so viel Prozent mehr oder minder bekennende AusländerfeindInnen, RassistInnen und so fort, wie der Fair-Trade-Cappuccino teurer ist als der bessere Kaffee", denke ich und trage den Becher Fairness zum Lokus.

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