50 Jahre Staatsoper - Teil 1

Mit ihrer 40-jährigen Karriere zählt sie zu den Spitzen-Sängerinnen des 20. Jahrhunderts: Sena Jurinac, die 1945 in Mozarts "Figaro" an der Volksoper debütierte. Die große Mozart- und Strauss-Interpretin war Augenzeugin der Zerstörung der Wiener Staatsoper.

Der Beginn ihrer Karriere fällt mit dem Wiederbeginn des Wiener Opernlebens nach dem Krieg zusammen: Sena Jurinac. Am 1. Mai 1945 gab sie als Cherubino in Mozarts "Hochzeit des Figaro" ihr Wien-Debüt an der Volksoper. An die Wiener Staatsoper war sie 1944 von Karl Böhm engagiert worden, nachdem die Tochter eines jugoslawischen Arztes und einer Wienerin zwei Jahre davor in Zagreb als Mimi in Puccinis "La Boheme" debütiert hatte.

Seither gehörte sie ohne Unterbrechung bis in die 1980er Jahre der Wiener Staatsoper an, deren Ehrenmitglied sie ist. Mit ihrer 40-jährigen, internationalen Sängerlaufbahn zählt Sena Jurinac zu den Spitzenkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr leuchtend warmer lyrischer Sopran und ihre sensible Rollen-Gestaltung machten die Jurinac in den 1940er und 1950er Jahren zu einer der berühmtesten Vertreterinnen des Wiener Mozart-Ensembles. In der Folge öffneten sich ihr die Türen der großen internationalen Opern-Häuser und Festspiele, von Salzburg bis Glyndebourne.

Gefeierte Strauss-Interpretin

Später wechselte sie mehr ins lyrisch-dramatische Zwischenfach, mit ihrer Interpretation der großen Strauss-Partien setzte sie Maßstäbe: Oktavian, später Marschallin im "Rosenkavalier" sowie dem Komponisten in "Ariadne auf Naxos". Aber auch "Fidelio"-Leonore, "Don Carlos"-Elisabeth und schließlich mit ihrer grandiosen Darstellung der Küsterin in Janaceks "Jenufa".

Noch in den 1980er Jahren trat "die Sena", die zu den Lieblingen des Wiener Opernpublikums zählte, hier als Marschallin und als Küsterin in "Jenufa" auf. 1982 nahm Sena Jurinac, die 1953 in erster Ehe mit dem italienischen Bariton Sesto Bruscantini verheiratet war, ihren Abschied von der Bühne.

Sena Jurinac erinnert sich

Im folgenden Auszug aus ihrer Biografie von Ursula Tamussino beschreibt Sena Jurinac - aus der Srebrenka, was soviel wie "Die Silberne" bedeutet, war inzwischen eine Sena geworden - wie sie 1944 unter schwierigen Umständen nach Wien kam und wenige Monate darauf Augenzeugin der Zerstörung der Wiener Staatsoper wurde.

Allen Widrigkeiten zum Trotz kam sie jedoch wohlbehalten am Wiener Südbahnhof an, fuhr mit der Straßenbahn zur Oper, überließ ihren Koffer der Obhut eines Dienstmannes beim nahegelegenen Hotel Bristol und erschien bald darauf in der Direktion der Staatsoper. "Wer sind Sie - was wollen Sie?" fragte die diensthabende Sekretärin unwillig. "Ich heiße Srebrenka Jurinac. Ich bin hier engagiert!" "Das auch noch." Mehr wusste die Sekretärin fürs erste nicht zu erwidern. Dann betrachtete sie seufzend den Vorvertrag, den ihr das jüngste Mitglied des Hauses vor die Nase hielt, und fragte mit einem ersten Anflug von Teilnahme: "Wo wohnen Sie denn?" "Nirgends - ich bin gerade angekommen." Nach endlosen Mühen gelang es, im Hotel Regina ein Zimmer aufzutreiben, doch wie die Dinge lagen, war an eine Tätigkeit an der Oper gar nicht zu denken. Der totale Krieg war bereits proklamiert, allgemeine Theatersperre verhängt, und der Vorvertrag erwies sich als wertloses Stück Papier.

Srebrenka Jurinac sah sich plötzlich auf die Straße gesetzt, ohne Geld, ohne Verbindungen, allein in einer fremden, immer häufiger von Bombenangriffen heimgesuchten Stadt. Da ließ sie der Chef der Bundestheater, Sektionschef Eckmann, zu sich rufen, um über ihren Fall zu beraten. Er selbst konnte ihren Vertrag auch nicht perfekt machen, versprach aber, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um in Berlin ein Placet zu erwirken, was ihm schließlich auch gelang. Um die Gage ausbezahlt zu bekommen, musste sie nun den Beweis irgendeiner Tätigkeit erbringen und wurde vom kroatischen Konsulat als Stenotypistin angemeldet.

Aus prekärster Lage vorerst gerettet, verbrachte sie ihre Zeit nun entweder im Luftschutzkeller oder als Hospitantin an der Opernschule des Konservatoriums. Auch ein Untermietzimmer fand sich endlich, und das zermürbende Umziehen von Hotel zu Hotel hatte ein Ende. (Es war damals nicht gestattet, länger als drei Tage in einem Hotel zu wohnen). Im Januar 1945 hatte Srebrenka Jurinac auch endlich Gelegenheit, sich als Sängerin zu betätigen. In einer konzertanten Aufführung des "Nikola Subic Zrinjski" von Ivan Zajc sang sie im Rundfunk unter der Leitung von Lovro von Matacic die Jelena.

Inzwischen spitzte sich die allgemeine Lage immer mehr zu, ein Luftangriff jagte den anderen, die Sowjetarmee rückte näher und näher. Als Srebrenka Jurinac eines Tages nach Hause kam, fand sie das Haus, in dem ihr Zimmer lag, nur mehr zur Hälfte vor. Ein Treffer hatte die Fassade der Länge nach aufgerissen. Zum Glück war das Zimmer noch über eine halbwegs intakte Hintertreppe zu erreichen, und sie rettete ein buntes Segelschiff, das den Angriff auf einem Kasten überlebt hatte, und ein schwarzes Abendkleid, das auf seinem Bügel am Wandhaken hing, total verstaubt, aber heil. Wenige Stunden danach besuchte sie in dem säuberlich ausgebürsteten Kleid eine Abendgesellschaft, man gewöhnte sich eben an alles.

In der Oper wurde die Probenarbeit wieder aufgenommen, und da weit und breit kein Mezzosopran zu finden war, erhielt Srebrenka Jurinac den Auftrag, sich mit der Nancy in "Martha" zu befassen. Am 12. März fand die erste Hauptprobe in Kostüm und Maske statt. Um halb elf der übliche Fliegeralarm. Alles eilte in den Keller. Als durch den Lautsprecher die Entwarnung kam, stieg man die Treppe wieder empor - da, plötzlich eine grauenvolle Erschütterung, Verputz und Mauerbrocken prasselten auf die angstvoll Verharrenden herab, eine Eisentür hob sich aus den Angeln. Man bahnte sich durch Staub und Trümmer einen Weg ins Freie und erkannte voll Entsetzen, dass die Oper getroffen worden war. Von mindestens fünf Bomben, wie sich später herausstellte, die auf und hinter die Bühne gefallen waren. Wären die Keller unter dem Bühnenhaus angelegt gewesen - keiner der Insassen hätte überlebt. Zusammengedrängt standen sie vor dem Hotel Bristol und sahen fassungslos auf die brennende Oper, mit maskenhaft starren, staubverklebten Gesichtern.

(Text-Auszug aus: Ursula Tamussino, "Sena Jurinac", mit freundlicher Genehmigung von Schroff Druck und Verlag GmbH, Augsburg).

Mehr zum Alltag nach 1945 in 2005.ORF.at

Tipp
Das Festkonzert am Samstag, 5. November 2005 um 19:00 Uhr anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Eröffnung der Wiener Staatsoper nach dem Zweiten Weltkrieg wird live auf den Herbert-von-Karajan-Platz übertragen. Ebenfalls live ist das Konzert in Ö1 zu hören, ORF 2 sendet zeitversetzt ab 20:00 Uhr.

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