Kunstwollen ist der Impulsgeber für Kunst
Kunst ist keine Geschmackssache
Alois Riegl ist einer der bedeutendsten Kunsthistoriker der Wiener Schule. Er starb vor 100 Jahren und wird derzeit wiederentdeckt. Symposien, Publikationen und Forschungsarbeiten zeugen von einer internationalen Riegl-Industrie.
8. April 2017, 21:58
Der Kunsthistoriker Alois Riegl war ein Emanzipator. Er hat die Kunst vom Schönheitsbegriff emanzipiert. "Hässlichkeit ist kein Argument für Riegl", sagt der Kunsthistoriker Werner Hofmann. "Er hat natürlich gesehen, dass es einen Unterschied zwischen der Mona Lisa und einem gotischen Fratzenkopf gibt, aber er hat beides integriert. Hässlichkeit ist nur ein Punkt einer großen Ausdrucksvielfalt, der mit Schönheit zusammenhängt - die Schönheit erst provoziert als ideal".
Riegls Denken hat nicht nur das Verständnis von Kunst verändert, sondern auch den Grundstein für die "cultural und visual studies" gelegt. Er bewertete bis dahin gering geschätzte Epochen wie Spätantike, Frühmittelalter oder Barock neu und meinte, der beste Kunsthistoriker sei der, der keinen persönlichen Geschmack habe. Er machte die Kunstgeschichte zu einer anerkannten Wissenschaft.
"Kunstwollen"
"Riegl wurde meiner Meinung nach deshalb so populär, weil er in seinen Schriften einen sehr offenen Wissensbegriff vertreten hat", so der Riegl-Experte Georg Vasold von der Universität Wien.
Das berühmteste Beispiel dafür ist der Begriff des "Kunstwollens", den Riegl erfunden hat. Das Kunstwollen ist der Impulsgeber für Kunst, eine geistige Kraft, die dafür verantwortlich ist, dass ein Kunstwerk so und nicht anders aussieht. Religion, Wirtschaft, Politik und auch die Mode wirken auf die Kunstgestaltung ein.
Bahr und Benjamin
Riegl war zu Lebzeiten ein sehr angesehener Kunsthistoriker. Es gibt zahlreiche Verweise im Werk des Schriftstellers Hermann Bahr auf Riegl. Doch dann, kurz nach seinem Tod vor 100 Jahren, drohte Riegl in Vergessenheit zu geraten.
In den 20er und 30er Jahren haben nur mehr wenige Intellektuelle auf Riegl aufmerksam gemacht - Walter Benjamin zitierte ihn zum Beispiel. Gerade das sollte ihn in den 60er und 70er Jahren für die amerikanischen Intellektuellen interessant machen. Margaret R. Olin von der Universität Chicago läutete mit ihrem Buch - dem ersten in den USA über Riegl - eine Wende ein.
Promoter der Moderne
Riegl ist heute noch aktuell, weil er ein wichtiger Promoter der modernen Kunst war, sagt Regine Prange von der Universität Frankfurt am Main. "Er hat die Denkmuster geliefert, um die Moderne im positiven Sinn als Weiterentwicklung der Tradition zu sehen".
Riegl hat sie als "höchste geistige Stufe der Kunst" bezeichnet. Das war um 1900 keineswegs selbstverständlich, galt die abstrakte Malerei doch als Beweis für das Fehlen jeglicher Zeichenkunst.
Gründervater der "Volkskunst"
Ausgangspunkt blieb für Riegl immer das Kunstwerk an sich. Er hat sich die Frage gestellt, in welcher Situation entstand Kunst? Er reiste als Textilkurator am heutigen MAK nach Galizien und beobachtete, unter welchen Bedingungen Kunst am Land entsteht.
Riegl schuf den Begriff der Volkskunst und ist damit einer der Gründungsväter der Ethnologie. Riegl versuchte den Begriff in seinem Werk "Volkskunst, Hausfleiß und Hausindustrie" zu fassen. Er war einer der wenigen Kunsthistoriker, die es wagten Kunst mit sozialökonomischen Fragen zu verknüpften.
Grundpfeiler für die Denkmalpflege
Riegl setzte nicht zuletzt in der Denkmalpflege neue Maßstäbe: Mit seinem Werk "Der Denkmalkultus" schuf er die Grundlage für die heutige Denkmalpflege.
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Buch-Tipps
Georg Vasold: "Alois Riegl und die Kunstgeschichte als Kulturgeschichte. Überlegungen zum Frühwerk des Wiener Gelehrten", Rombach, Edition Parabasen 2004, ISBN 3793094022
Bundesdenkmalamt Wien, Institut f. Kunstgeschichte d. Universität Wien (Hrsg.), "Wiener Schule. Erinnerung und Perspektiven", Böhlau Verlag 2005
Alois Riegl, "Gesammelte Aufsätze", WUV-Verlag 1996, ISBN 3786118868
Edwin Lachnit, "Die Wiener Schule der Kunstgeschichte und die Kunst ihrer Zeit", Böhlau Verlag 2005, ISBN 3205774221