Stadt mit schlechtem Image

Stadtporträt Ankara

In meinem Türkei-Reiseführer werden Ankara ganze zehn Seiten gewidmet. Die Hauptstadt des Landes ist dem Reiseführer damit nur ein 90stel seines Umfanges wert. Und auf diesen wenigen Seiten liest man von einer Stadt ohne Ausstrahlung.

Nein, Ankara hat kein besonders gutes Image. Auch unter vielen Türken nicht: extrem verschmutzte Luft, kaum kulturelles Leben, geringer Freizeitwert. Die Tageszeitung "Radikal" erscheint, wie die meisten türkischen Zeitungen, in Istanbul. Der Arbeitsplatz ihres Chefredakteurs Ismet Berkan liegt also am Bosporus.

Nur nicht Ankara!
Ismet Berkan hatte davor eine echte Leidensstrecke hinter sich: Er war der Leiter des Hauptstadtbüros der Zeitung gewesen: "Als mich mein Chefredakteur fragte, ob ich als Ankara-Korrespondent von 'Radikal' arbeiten möchte, war meine erste und einzige Frage: Wann kann ich wieder zurück? Denn ich konnte mir nur vorstellen, vorübergehend nach Ankara zu übersiedeln. Ich möchte die Ankaraner nicht beleidigen, aber der Gedanke, den Rest meines Lebens in Ankara zu verbringen, kommt für mich einem Todesurteil gleich."

Aber es gibt auch Menschen, die Ankara schätzen. Zum Beispiel der Historiker Inanc Atilgan. Er ist vor kurzem nach 15 Jahren in Österreich nach Ankara zurückgekehrt.

Viele Ankaraner sehen ihre Stadt als eine europäische Hauptstadt. Und wenn man in den Vierteln der seit den 1930er Jahren entstandenen Neustadt herumgeht, dann hat man oft das Gefühl, man könnte auch in Neapel oder in Athen sein.

Sauber und aufgeräumt

Ankara ist besser als sein Ruf. Es ist eine saubere, aufgeräumte Stadt, in der die Hundebesitzer die Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge mit dem Plastiksackerl wegräumen, eine Stadt mit wenig Kriminalität und breiten Boulevards, mit vielen Grünflächen und zahlreichen Springbrunnen, eine Stadt, die europäisch wirkt und wo man in vielen Stadtteilen kaum ein Kopftuch sieht. Es ist eine Stadt mit Parks, wo man auf kleinen Seen Tretboot fahren kann und mit Alleen, in deren Schatten schick angezogene Menschen promenieren. Es ist die Stadt mit der höchsten Akademikerrate in der Türkei, auch die sozialen Beziehungen seien hier enger als in Istanbul, hört man.

25.000 Einwohner hatte die Stadt um 1920, heute sind es mehr als hundert Mal so viel: zwischen 3,5 und 4 Millionen. Neue Siedlungen werden in einem Radius von 35 bis 40 Kilometern vom Stadtzentrum errichtet, um den Wohnungsbedarf der durch die innertürkische Zuwanderung schnell wachsenden Stadt zu befriedigen. Die Stadt wächst so schnell, dass in den Außenbezirken neue Straßen einfach durchnummeriert werden, weil man mit der Benennung nicht nachkommt.

Folgen der Kessellage

Ankara liegt in der anatolischen Hochebene auf 850 Metern Seehöhe, das ist beinahe der Semmering. Das Land rundherum ist Steppe: Im Sommer ist es trocken und heiß, im Winter ziemlich kalt. Auf drei Seiten ist die Stadt von Bergen umgeben, und diese Kessellage samt Hausbrand und dichtem Straßenverkehr führen, vor allem im Winter, zu enormer Luftverschmutzung.

Die Nord-Süd-Achse der Stadt ist der Atatürk-Boulevard. Von der Altstadt im Norden bis zur Residenz des Staatspräsidenten im Süden bildet sich entlang des Atatürk-Boulevards die soziale Schichtung der Stadt ab: je südlicher, desto feiner die Gegend.

Armut im Norden
Fangen wir am anderen Ende an: Nördlich der Altstadt die ärmlichen Gecekondu-Viertel der Zuwanderer, ärmlich auch die Häuser am Burghügel. In der historischen Altstadt Ulus dann der Basar. Südlich an Ulus schließen die modernen Stadtteile Kizilay und Kavaklidere an: viele Geschäfte, Lokale und die Ministerien. Zentrum der Stadt ist der Kizilay-Platz, der Platz des Roten Halbmonds, wie das Rote Kreuz in der Türkei heißt. Hier kreuzen sich die beiden Metro-Linien Ankaras.

Hier, am Kizilay und in Kavaklidere, sieht man nahezu keine Kopftücher, auch die Schnurrbartdichte ist geringer als in der österreichischen Bundesregierung. Das ändert sich auch weiter im Süden nicht. Der Atatürk-Boulevard steigt an und führt schließlich nach Cankaya mit seinen Botschaften, Boutiquen, feinen Cafés und Restaurants.

Atatürk ist überall

Entlang des nach ihm benannten Boulevards, der all diese Stadtteile durchzieht, begegnet man Kemal Atatürk gleich mehrere Male: In Ulus am Fuß der Zitadelle als Soldat auf dem Pferd sitzend; auf dem Zafer Meydani, dem Siegesplatz, in Uniform, stehend; am Kizilay Meydani, dem Platz des Roten Halbmonds, Atatürk im Gehrock, flankiert von vier nackten Männern. Dann weiter: vor dem Bildungsministerium Atatürk, die Flamme der Erkenntnis in der Hand, vor dem Berufungsgerichtshof Atatürk, gleich groß wie Justitia, und dann noch einmal Atatürk vor dem Parlament mit einem Umhang wie Flügel, offenbar gerade zur Himmelfahrt ansetzend.

Vor dem technischen Mädchenlyzeum - nein, nicht Atatürk, sondern seine Mutter Zübeyde, daneben zwei Zitate Atatürks. Aussprüche des Größten aller Türken finden sich auch auf diversen anderen öffentlichen Gebäuden. Da ist man echt überrascht, wenn man in einer Nebengasse die Statue einer sitzenden Figur findet und feststellt, dass das Buch, das sie liest, nicht von Atatürk ist.

Service

Wikipedia - Ankara
Wikipedia - Mustafa Kemal Atatürk
Wikipedia - Clemens Holzmeister
Universität Karlsruhe - Deutschsprachige Architekten im Exil
Ankara
Österreichisch-Türkisches Wissenschaftsforum