Das Risiko fliegt mit

Zufall, dass gerade in letzter Zeit so viele Flugzeuge abstürzen? Nein, meint Tim van Beveren. Der als kritischer Beobachter der Luftfahrtszene bekannt gewordene Autor analysiert in seinem Buch die Ursachen, die zu vielen Unfällen und Abstürzen geführt haben.

Dauerte der erste Flug der Brüder Orville und Wilbur Wright im Jahr 1903 knapp zwölf Sekunden, so gehören heute fünfstündige und längere Flüge zur täglichen Routine. Vor 100 Jahren stellte das Wetter noch ein hohes Absturzrisiko dar. Auf die heutigen Flieger lauern ganz andere Gefahren.

Tim van Beveren ist nicht nur ein Beobachter der Luftfahrtszene, sondern kennt sich auch im Cockpit gut aus, ist er doch auch Pilot. Die Filmdokumentationen und Bücher des Autors zum Thema Fliegen sorgten bereits in den 90er Jahren für Aufregung. In seinem neuen Werk "Das Risiko fliegt mit" weist van Beveren darauf hin, dass sich die Situation im internationalen Flugverkehr nicht gebessert hat. Im Gegenteil:

Das Sicherheitsnetz hat klaffende Lücken bekommen. Werden diese nicht geschlossen, sind weitere Katastrophen unvermeidlich.

Auch Europa ist nicht sicher

Ursache vieler Unfälle ist menschliches Versagen: etwa im Management, bei der Wartung oder bei den Herstellern. Und immer wieder wird erst viel zu spät aus den Fehlern gelernt. Wirtschaftliche Interessen werden vorangestellt, eine Politik des Schweigens soll die wahren Umstände vertuschen. Dabei sind Einsparungen im Flugbetrieb verheerend: Übermüdung der Piloten auf Grund langer Schichten, überforderte Fluglotsen oder schlecht ausgebildetes Personal. Wer sich im europäischen Raum sicher glaubt, der irrt. Beispiele dafür liefert van Beveren genug.

So entgingen Passagiere und Personal beim Start eines Lufthansa-Airbus vom Flughafen Frankfurt am Main im März 2001 nur knapp einer Katastrophe:

Der moderne A320 auf dem Weg nach Paris hatte gerade von der Startbahn West abgehoben, als das Flugzeug unvermittelt eine leichte Schräglage nach links einnahm. Der Kapitän wollte die Abweichung durch eine leichte Steuerbewegung nach rechts korrigieren, doch als er seinen Steuerhebel, den Sidestick, nach rechts drückte, begann sich das Flugzeug nur noch stärker nach links zu neigen.

Zum Glück konnte der Copilot, dessen Steuerung normal funktionierte, die Situation unter Kontrolle bringen. Was war passiert? Bei einer Wartung waren sämtliche Stecker und Kabel ausgetauscht worden, weil ein Ersatzteil in der verfügbaren Zeit nicht aufzutreiben war. Dabei vertauschten die Techniker aus Versehen zwei Kabel.

Ersatzteile aus dubiosen Quellen

Ein anderes Problem der Luftfahrt ist der Ersatzteilhandel, da immer wieder "falsche Teile" auftauchen. Drogenhändler sollen schon in diese Branche gewechselt haben, weil das leichter ginge als Rauschgift zu verkaufen. Die Falschteile sind entweder von minderwertiger Qualität oder aber es handelt sich um bereits ausrangierte Teile älterer Flieger. In jedem Fall ist die Gefahr für die Flugzeuge, in denen sie eingebaut werden, enorm, Falschteile sind tickende Zeitbomben.

Bekannt wurde der Fall des italienischen Ersatzteil-Brokers Panaviation, der in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts bis zum Auffliegen seiner dunklen Geschäfte sämtliche große Flugbetreiber beliefert hatte, darunter auch die Austrian Airlines. Durch Umstellungen der Materialverwaltungsprogramme lassen sich bei dieser, so van Beveren, aber nicht mehr alle Käufe rückverfolgen, die zugehörigen Schriftstücke müssen nur sieben Jahre aufbewahrt werden.

Einblicke und Erklärungen

Tim van Beveren gibt dem Leser nicht nur Einblick in die Cockpits verschiedener Unglücksmaschinen, sondern schildert auch detailliert, was im Managementbereich oder bei den Sicherheitsbehörden falsch läuft.

Doch van Beveren will keineswegs Angst vor dem Fliegen verbreiten, sein Ziel ist es vielmehr, Sicherheitsprobleme aufzuzeigen und das Bewusstsein der Flugpassagiere für die Thematik zu sensibilisieren, damit längst fällige Änderungen in der Branche erreicht werden, denn er wünscht seinen Lesern immer eine gute Landung.

Buch-Tipp
Tim van Beveren, "Das Risiko fliegt mit. Die versteckten Gefahren im Flugverkehr", Eichborn Verlag, ISBN 3821839775