Mozart als Frauen-Torso

Mozart versus Beethoven

Wie lange wurde das Klischee von Mozart als weichem, tändelndem Freigeist musikalische transportiert. Erst die kantigeren Harnoncourt- und Gulda-Interpretationen legten die packende Dramatik frei. Mozart als Metapher im Geschlechterdialog?

Das Thema ist nicht Mozart und die Frauen und nicht Mozart und Komponistinnen seiner Zeit. Es ist Mozart und die Überschreitung der wertenden, hierarchischen Geschlechterkategorien, die das 19. Musikjahrhundert prägten. Es ist kein feministisches sondern ein musikalisches Thema.

Verbale Qualitätsmaßstäbe

"Ausgesprochen maskulin, kraftvoll, bestimmt, entschieden, wie aus einem Guss, überschaubar, einfach.“ Als Gulda 1968 die Beethoven-Sonaten spielt, ist das Wort für Brillanz und Bestimmtheit: Männlichkeit. Gulda selbst sagt in einer kleinen Notiz, sein Beethoven von 1968 sei männlicher als jener von 1953 und meint eine Qualitätssteigerung.

Beethoven ist die Männlichkeit in der Musik, die Musikwerdung des Schicksalshaften, Entschlossenen, Brillanten, Außerordentlichen, des Strahlenden, Heroischen, Edlen, Ergreifenden und die oberste Kategorie der Musik. Dagegen Mozart: das Melodiöse, Bekannte, Weibliche, Weichliche, das tändelnd Übergehende, das Süße, Spontane, Impulsive, das jenseits der Sprache Stehende.

Beethoven-Verehrer gegen Frauen?

Ludwig Wittgenstein nannte Mendelssohn eine Hochebene, Beethoven einen Gipfel. Wo Beethoven-Verehrung ist, ist Frauenfeindlichkeit nicht weit. "Fast weiblich“ nennt Hermine Wittgenstein das Spiel Josef Labors, mehr wäre kein Lob gewesen. Ein Zeitgenosse Chopins schreibt:

Er spielt eine Beethoven Sonate so schön wie seine Sachen: nicht packend, nicht en relief, nicht als von Variation zu Variation gesteigerter Roman. Mezzavoce säuselt er, aber unvergleichlich in der Cantilene, unendlich vollendet in den Zusammenhängen des Satzbildes, ideal schön, aber weiblich. Beethoven ist ein Mann und hört nie auf, einer zu sein.

Mozart hingegen lässt den Übergang zu einer Welt zu, die Improvisation mit Weiblichkeit und dem Verzicht auf Gesetz gebende Instanz gleichsetzt. Mozart erlaubt den Übergang zu anderen Welten, einen Weg in die vaterlose Gesellschaft. Gulda träumte mal davon. Für Salzburg 2005 hat Markus Lüpertz einen Mozart als Frau dargestellt, keine Diva, keine Dame, eine nackte Frau, mit bronzenen Brüsten und amputierten Händen, unschön und unerotisch, nur weiblich. Die Statue wurde Anfang Juli enthüllt. Mozart, der Torso. Es fehlt die Vollendung.

Feminisierung Mozarts

Für einen Beitrag zum Mozart-Jahr recherchierte ich die Staatsfeiern mit Musik: Kein Mozart zu Staatsakten im Musikverein weder beim Eröffnungskonzert zur Weltausstellung 1873, noch zur Musikausstellung 1892 in Wien, weder beim ersten Arbeitersymphoniekonzert 1926, noch zu den Jubiläumskonzerten der Gesellschaft der Musikfreunde, noch zur Wiedereröffnung im September 1945. Mozart wurde niemals Staatskomponist: kein Trauermarsch, der für Schulfeiern für verstorbene Bundespräsidenten geeignet wäre.

Mozart hörte auf, ein Mann zu sein, widersetzte sich den ausschließenden und wertenden Geschlechterkategorien des 19. Jahrhunderts. Kuriose Bestätigungen: Der Mozart Schädel, den das Mozarteum aufbewahrt - ist möglicherweise der Schädel einer Frau. Ein Wiener Beethoven Forscher studiert derzeit gemeinsam mit einem Anatomen diese Möglichkeit.

Mademoiselle Mozart - hieß in den 80er Jahren in Japan ein Musical. Die Geschichte geht so: Mozart wird wiedergeboren in der Gestalt eines kleinen Mädchens. Das japanische Musiktheater ist mit Rollentausch vertraut. In ihrem neuesten Projekt stellt sich die Künstlerin Irene Andessner als Mozart dar. Fügt den vorhanden ungesicherten Mozart Porträts ein weiteres, ungesichertes hinzu. Die Porträtserie, die gerade in Salzburg in der Blauen Gans geschossen wurde, wird in Wien in der Galerie Westlicht zu sehen sein.