Platz ist nur für eine Sonne

Literatur-Darwinismus in Weimar

Dass Literatur ein Geschäft ist, ist keine Erkenntnis der neueren Zeit: Schon der alte Herr Geheimrat, Johann Wolfgang von Goethe mit Namen, wusste gar vortrefflich, sich seiner Konkurrenz zu erwehren - mit manchmal nicht ganz sauberen Methoden.

Im 18. Jahrhundert ist Schriftstellerei ein elendes und ungewisses Handwerk, "der sicherste Weg früh zu sterben", meinte Christoph Martin Wieland. Johann Wolfgang Goethe ist ein aufstrebender Mann, ambitioniert und hat nicht vor, jung zu sterben. Wenn der Markt für den Wettbewerb zu klein ist, muss man ihn eben von der Spitze aus überwachen. Denn, so scheint Goethe zu denken, zumindest handelt er so: Konkurrenz belebt nicht in jedem Fall das Geschäft.

Der Romantiker Ludwig Tieck steht eines Tages vor Goethes Schwelle. Der Arrivierte lässt den jungen Schriftsteller zunächst von einem Diener abweisen, ist aber dann doch neugierig genug, um einen Blick auf den ungebetenen Gast zu werfen. Goethe: "Sie wünschen mich zu sehen?" - Tieck: "Gewiss, Herr Geheimrath." - Goethe: "Nun, so sehen Sie mich!" Sagt's und dreht sich majestätisch langsam um die eigene Achse. Goethe: "Nun können Sie wieder gehen." Tieck ist wie vor den Kopf gestoßen, doch nicht auf den Mund gefallen. Tieck: "Was kostet die Besichtigung?" Soviel Frechheit ist dem Hausherren schon lang nicht widerfahren. Er, der gewohnt ist, selbst das letzte Wort zu haben, gönnt ungern anderen solche Triumphe.

Weimar, das Zentrum des Schöngeistigen
Ende des 18. Jahrhunderts zählt das Residenzstädtchen Weimar des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach etwa 6.000 Einwohner. Was uns heute als Zentrum bedeutender Dichter und Denker erscheint, war in Wahrheit ein bettelarmes Duodez-Fürstentum, in dem verarmte Handwerker und Kleinbauern das Stadtbild prägten. Und doch, während Europa zwischen Revolution und Restauration schwankte, Menschen sich als begeisterte Jakobiner oder als obrigkeitshörige Metternich-Anhänger gegenüberstanden, scheint Weimar aus den Zeitläufen heraus zu fallen. Man trifft sich zu Vorlesungen und Gespräch bei der schöngeistigen Fürstenmutter, Anna-Amalia.

In diesem Ambiente fühlen sich viele Große sehr behaglich: Herder, Wieland und natürlich Goethe. Aus der Froschperspektive weniger erfolgreicher oder junger Dichter agiert Goethe wie der Bonze von Weimar: selbstzufrieden und saturiert. Die Liste der von Goethe Enttäuschten ist lang: Kleist, Hölderlin, Jean Paul, Lenz, Klinger, Tieck, Wagner, die Gebrüder Schlegel und auch ein österreichischer Schriftsteller ist darunter, Franz Grillparzer.

Das Muss verrät den Menschen
Die Tugenden des Herrn Ministers sind andere als die des genialen Draufgängers früherer Tage. Zu Goethes gern gebrauchten Wörtern zählen nun die Pflicht, das Muss, das Streben, das Wirken und die Stetigkeit. "Das Muss ist oft hart, aber beim Muss kann der Mensch allein zeigen wie's inwendig mit ihm steht. Willkürlich leben kann jeder."

Die Erinnerung an alte Zeiten ist Goethe jetzt peinlich. Über kurz oder lang entledigt er sich alter Freunde. Das ist keine Übertreibung. Jakob Michael Reinhold Lenz, der ehemalige Studienfreund und Bruder im Geiste, wird aus Gründen, die bis heute nicht wirklich geklärt sind, des Fürstentums verwiesen. Der Geheimrat selbst erlässt diese Maßnahme.

Weimarer Klassik GmbH
Abgesehen von Kuraufenthalten in Karlsbad und Arbeitsreisen, etwa nach Italien, verbringt Goethe sein ganzes langes Leben im Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach. Fast gewinnt man den Eindruck, dass des Dichters spätere Unbeweglichkeit mit seinem starren Kunstverständnis einhergeht. Er wird mit einem Wort Friedrich Schlegels zum "marmornen Gott".

Als Goethes literarische Produktion zu erlahmen droht, beginnt seine Zusammenarbeit mit dem um zehn Jahre jüngeren Friedrich Schiller. Dieser war für Goethe bald unentbehrlich geworden, musste ihm manchmal sogar als Sekretär zur Hand gehen. Mit Schillers Tod, 1805, gelangt die "Weimarer Klassik GmbH" an ihr vorläufiges Ende. Doch Goethe findet Ersatz. Johann Peter Eckermann wird sein letztes Opfer. Mit dessen Hilfe gelingt es dem alten Klassiker, die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Die "vollständige Ausgabe letzter Hand", nicht weniger als 61 Bände. Die Konkurrenz ist zermürbt, vernichtet, hat resigniert: Im Weimarer Naturschutzpark der Geistigkeit war nur für seine Sonne Platz.