Beobachtungen von Thomas Thaler

Unterwegs mit dem Mikrofon

Seit über zehn Jahren bin ich kreuz und quer in Österreich unterwegs, um Originaltöne für die Sendung "Vom Leben der Natur" aufzunehmen. Die akustische Umweltverschmutzung - Straßen- und Fabrikslärm z. B. - erschwert die Arbeit allerdings.

In den Bergen, auf über 2000 Meter Meereshöhe habe ich mein Mikrofon schon ausgepackt, etwa an einem strahlenden Julimorgen auf der "Leitnalm" im Tiroler Obernbergtal. Die minutiöse Schilderung des Gangs einer Kuh durch den dortigen Hirten bleibt unvergesslich.

Auch in der Hainburger Au - so ziemlich der tiefste Punkt Österreichs - war ich des Öfteren unterwegs. Zum Beispiel mit dem Präsidenten des Verbands der Österreichischen Arbeiter-Fischerei-Vereine an einem trüben Novemberabend, um festzuhalten, was eigentlich Fische im Winter machen. Lang sind wir damals herumgefahren, auf der Suche nach einem nicht von Fluglärm betroffenen Ort.

Der Hörer bekommt vom strahlenden Sonnenschein, vom wallenden Nebel, vom Raureif und vom Hitzeflimmern wenig mit. Nur wer genau hinhört, vernimmt manchmal den Widerhall der jeweiligen Stimmung in der Stimme des Interviewten. Oft finde ich es sehr schade, dass niemand das zarte Grün hören kann, das strahlende Blau.

Und immer wieder Störenfriede
Der akustische Hintergrund, den die heimische Natur zu bieten hat, ist meist wenig spektakulär. Nur manchmal ist auf Freilandaufnahmen Vogelgezwitscher zu vernehmen, oder das Insektensummen warmer Sommerwiesen. Viel öfters müssen alle Tricks angewandt werden, um der akustischen Umweltverschmutzung unserer technisierten Welt zu entgehen. Autoverkehr, Flugzeuge, Motorsägen - nach unberührter Natur klingt es selten irgendwo.

Am besten ist es meistens noch im Zoo. Die klassische Kulisse aus Besuchergemurmel und exotischen Vogelstimmen gibt es nicht immer direkt am Interview-Ort. In irgendeiner Ecke des jeweiligen Tierparks lassen sich aber meistens gute Geräuschaufnahmen machen. Doch schon im Botanischen Garten der Uni Wien ist es mit der akustischen Schönheit vorbei - zu klein, zu laut die angrenzende Straße.

Adlerschrei auf Knopfdruck?
Natürlich wäre im Studio einiges möglich. Der Adler schreit dort auf Knopfdruck, und der Wind rauscht dort höchstens wohlklingend in den Bäumen, aber nie im Mikrofon. Doch bevor es allzu kitschig wird, besinnt man sich doch meist. Das Wissenschaftsressort verpflichtet.

Umso größer ist oft die Freude, wenn es mit dem Interviewpartner gelingt, die Beschränkungen des Mediums elegant auszuhebeln, wenn sich das Gegenüber nicht nur als guter Naturbeobachter entpuppt, sondern auch die richtigen Worte findet, um das Wahrgenommene zu transportieren. Dann kann all das, was vermeintlich verloren geht, im Kopf des Hörers wieder auferstehen. Dann kann man den Gang der Kuh, den Flug des Adlers, das frische grüne Laub und selbst die feine Behaarung einer Frühlingsblüte "sehen".

Thomas Thaler ist Mitarbeiter der Ö1 Wissenschaft.

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