Dichte Atmosphäre
Onkel Wanja
Der belgische Regisseur Luk Perceval, der vor zwei Wochen bereits seinen "Turista"-Marathon vorgestellt hat, gastiert mit seiner Antwerpener Truppe Het Toneelhuis und einem faszinierenden flämischen "Onkel Wanja" bei den Wiener Festwochen.
8. April 2017, 21:58
Dieser "Onkel Wanja" aus Antwerpen beginnt mit einer auch schon klassischen Theateravantgarde-Situation: Die Schauspieler starren minutenlang vor sich hin und sagen nichts. Erst zum bittersüssen Grammophonklang von Opernarien kommt langsam Bewegung in Tschechows traurige Figuren.
Luc Perceval inszeniert "Onkel Wanja" nicht als melancholisches Lied vom Niedergang des russischen Landadels, sondern als heutige wie auch zeitlose Auseinandersetzung mit dem menschlichen Hang zum Unglücklichsein.
Eine Spielfläche, aus der es kein Entkommen
Ein dunkler Vorhang mit blasser Goldornament-Bordüre verkleidet den sonst leeren Bühnenraum wie eine muffige Schatulle. Auf einem stark welligen Bretterboden sitzen, wie auf Ackerfurchen, die Personen auf geflickten alten Stühlen.
Altmodische Kleidung, orthopädische Strümpfe. Der pensionierte Professor, für dessen Wohlleben sich die Verwandten seiner verstorbenen ersten Gattin abschuften, dieser alte Pseudointellektuelle hat sich seine neue junge Frau offenbar aus dem Osten geholt - bei Perceval spricht Jelena Englisch mit russischem Akzent.
Dichte Atmosphäre, hervorragende Schauspieler
Luc Perceval zeigt einen entromantisierten, zwar stark gekürzten, aber nicht radikal verfremdeten "Onkel Wanja". Das Landleben eine Mühsal, ein Kampf gegen lähmenden gesellschaftlichen Stillstand und Widrigkeiten der Natur. Das Gewitter im Stück schüttet minutenlang einen ganz realen Platzregen aus dem Schnürboden.
Wanjas Mutter als infantiles greises Tanzprinzesschen, Sonja, die Tochter des Professors, als verschrobenes erbarmungswürdiges Brillenmädchen - man weiss nicht, welche schauspielerische Leistung man mehr bewundern soll. Sie alle und ihre übrigen Kollegen machen diesen Abend zu einem Ereignis.
Diese Inszenierung macht begreiflich, das Tschechow nicht nur das Unglück der Frustrierten und Ungeliebten meint, sondern auch jenes Unglück, das auch eher glückliche Menschen in winzigen Dosen begleitet, als latenter Kummer über Unvollkommenheiten, die jedes Leben mit ausmachen.
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