Sterne altern nicht

Seit Isaac Bashevi Singers Tod gilt Josef Burg als der letzte lebende große jiddische Schriftsteller. Den Interviewer empfängt der 93-jährige Czernowitzer Autor mit den Worten: "Ich bin ein junger Mann!" Wie könnte man da widersprechen!

Ulitza Scheptizkogo 13 in Czernowitz, die Wohnadresse des jiddischen Dichters Josef Burg. Wechselvoll ist die Geschichte des heutigen Cernivzy, der ehemaligen Hauptstadt des habsburgischen Kronlandes Bukowina..

Die Stadt stand unter türkischer Oberhoheit, kam 1775 zum Habsburgerreich, 1918 zum Königreich Rumänien,1940 zogen die russischen Truppen ein,1945 wurde die Nordbukowina mit Czernowitz Bestandteil der Ukrainischen Sowjetrepublik, 1990 wurde aus der Ukrainischen Sowjetrepublik der selbstständige Staat Ukraine.

Eine Welt von gestern
Jiddisch, Deutsch, Rumänisch, Russisch - mit vielen Sprachen ist Josef Burg aufgewachsen, mit vielen Sprachen hat er gelebt - als Schriftsteller ist er beim Jiddisch geblieben.....

Am 30. Mai 1912 wurde er in Wischnitz beui Czernowitz geboren, und dort - so erinnert er sich - war alles jiddisch. Es wurde jiddisch gesprochen, jiddisch gelebt, jiddisch gebetet. Von 6.800 Einwohnern in Wischnitz waren damals 6300 Juden. Heute erinnert nur mehr der jüdische Friedhof in der Stadt an jene Zeit.

Eine Welt der Wunder
Zwölf Jahre war Josef Burg alt, als er 1924 nach Czernowitz, in die Hauptstadt der Bukowina kam. Der Sohn eines Flößers aus der Provinz kommt plötzlich in eine große ,vielsprachige Stadt..

"Als ich nach Czernowitz kam, war das, als sei ich auf einen anderen Planeten gekommen", erinnert sich Josef Burg im Buch "Irrfahrten",
in dem er dem deutschen Journalisten Michael Martens aus seinem Leben erzählt:

Nach Czernowitz! Eine Weltreise. Wir kamen abends in der Stadt an. Am nächsten Morgen stand ich früh auf und schaute aus dem Fenster. Da sah ich eine Straßenbahn. Das war unvorstellbar. Sie fährt von alleine! Und Menschen setzen sich da auch noch hin. Was ist das ? Ohne Pferde? Ich war in eine Welt voller Wunder geraten!

Erste Veröffentlichungen
Der junge Autor Josef Burg konnte 1934 in den "Czernowitzer Bletern" seine ersten literarischen Texte veröffentlichen. Bis heute fühlt er sich seinen - auch literarischen - Lehrern Elieser Steinbarg und Itzig Manger verbunden, Die beiden leiteten damals den "Jiddischen Schulverein" in Czernowitz.

Nach dem Ende des Habsburgerreiches war Bukarest zur Hauptstadt geworden, die Bukowina gehörte nun zu Rumänien. Josef Burg ging zunächst nach Bukarest, wo Texte von ihm in der jiddischen literarischen Zeitschrift "Die Woch" erschienen. Von Bukarest fuhr der junge Autor Josef Burg weiter nach Wien.

Beginn einer Odyssee
Josef Burg erinnert sich an kurze Begegnungen mit Franz Werfel und anderen Dichtern. Er war oft zu Gast im Jüdischen Theater im Wiener Prater. Ein Foto vom Oktober 1937 zeigt Josef Burg im Kreis anderer jüdischer Dichter im Cafe Central in Wien.

Als in Österreich die ersten Deportationen von jüdischen Familien begannen hat Josef Burg Wien verlassen. Er kam ohne Geld nach Prag, wollte weiter nach England, durch die Schweiz. In Prag bekam er ein drei Monate gültiges französisches Transitvisum und auch ein englisches Visum für ein Jahr.

Die deutsche Botschaft verweigerte dem "ruimänischen Juden" das Visum. So fuhr Josef Burg zurück nach Czernowitz. Er wollte durch Bulgarien und Jugoslawien um von dort mit dem Schiff nach England zu kommen. In Czernowitz stellte sich heraus, dass man ihm- wie vielen Juden- die Staatsbürgerschaft entzogen hatte. Er war staatenlos.

Keine Rechte, nur Pflichten
Zum Militär wurde er dennoch eingezogen. Kommentar eines rumänischen Offiziers: "Rechte hast Du keine, Aber Pflichten hast du!" Inzwischen hatte Josef Burg zwei Bücher veröffentlicht, aber seine Laufbahn als Schriftsteller sollte für viele Jahre unterbrochen werden.

Am 20.Juli 1940 marschierte die Rote Armee in Czernowitz ein.
"Damals glaubte ich an die Sowjetunion", sagt Josef Burg. "Wir wollten ein Paradies auf Erden! Wir wollten einen Staat, in dem nicht mehr geschrieen wird: Nieder mit den Juden!"

Die sowjetischen Jahrzehnte
In Moskau erschien eine jiddische Zeitung, die "Einigkeit", in der er veröffentlichen konnte. Josef Burg kam nach Saratow, in die Wolgarepublik. Als ausgebildeter Lehrer sollte er einem Ort zugeteilt werden.

1941 wird die Wolgarepublik aufgelöst, es kommt zur Deportation aller dort lebenden Deutschen. Alle Deutschen im Ort "Rosendamm" werden abgeholt, nur Josef Burg bleibt allein zurück.. "Ich fürchtete meinen eigenen Schatten", erinnert sich Josef Burg an dieses Alleinsein im verlassenen Dorf.

"Was haben Sie denn gemacht, die ganze Zeit?" fragt der Journalist Michael Martens Josef Burg im Buch "Irrfahrten". Josef Burgs Antwort: "Nichts. Ich bin verrückt geworden."

Josef Burg konnte das Dorf Rosendamm, das bald von evakuierten Juden aus Weißrussland besiedelt wurde, verlassen. Er lebte in Usbekistan, war bei den Kohlegruben im Ural, durfte schließlich wieder als Lehrer arbeiten, unterrichtete später in der Nähe von Moskau an einem Pädagogischen Institut. Dort lernte er auch seine russische Frau Nina kennen, mit der er heute in Czernowitz lebt. "Ich habe zwanzig Jahre in Russland gelebt," sagt Josef Burg, "Schöne Jahre und fürchterlich schlechte Jahre. Ich will mich an diese Zeit nicht erinnern. Es waren die schwersten Jahre meines Lebens."

Fremde Heimat
1959 kehrte Josef Burg nach Czernowitz zurück, er arbeitete wieder als Lehrer, später widmete er sich ganz dem Schreiben. Als er in Czernowitz ankam, fühlte er sich fremd. Die Stadt hatte sich verändert. "Ich kam mit meiner Frau und mit meiner Tochter, und ich kam, um zu bleiben," sagt Josef Burg.

Eine Auswanderung wollte er seiner Familie nicht zumuten.
"Wir führten ein armseliges Leben, aber wir schlugen uns durch", erinnert sich Josef Burg.

Späte Anerkennung

Er schreibt für literarische Zeitschriften, auch im Ausland, zahlreiche Veröffentlichungen in Paris und in Warschau helfen, auch zu Hause als Schriftsteller anerkannt zu werden. Ab den 80er Jahren kann Josef Burg regelmäßig Bücher veröffentlichen, einige erscheinen auf Russisch, mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren.

1940 war sein zweites Buch erschienen, 40 Jahre später, 1980 sein drittes Buch. Der Erfolg, die Anerkennung als Schriftsteller kommen spät. "Wäre ich vor dem Jahr 1980 gestorben - ich würde mit drei Zeilen im Lexikon der jüdischen Literatur stehen", sagt Josef Burg.

Als "letzter Zeuge einer untergegangen Welt" wird der Autor oft bezeichnet, als letzter Vertreter einer vergessenen jiddischen Kultur.
"Ich bin Optimist", sagt er im Gespräch, " wir haben mit Isaac Bashevi Singer einen Literaturnobelpreisträger, nicht jede Kultur hat das, darauf muss man doch stolz sein! Das Jiddische darf und wird nicht untergehen!

Mehr zum Tod von Josef Burg in oe1.ORF.at