Valie Export im Gespräch mit Michael Kerbler

Der Körper als Leinwand

"Ich sehe nicht nur Bilder und geh die ganze Zeit mit Bildern um. Eigentlich bin ich selbst ein Bild und trage es herum, ich lasse es von anderen anschauen, und schon finden wieder Zugehörigkeiten zueinander stattfinden" (Valie Export über das Tätowieren)

Valie Export über Schmerz

Michael Kerbler: Es wäre die Aufzählung Ihrer Werke unvollständig, würde ich nicht auf Ihre Tätowierung hinweisen. Was macht diese Strumpfbandtätowierung zu einem künstlerischen Werk?
Valie Export: Das kommt von der Bodyperformance her. Meine Überlegungen waren, wie in anderen Arbeiten auch: Es gibt ja nicht nur die Leinwand der Malerei. Es gibt die fotografische Leinwand, es gibt Papierleinwand, und hier ist die Körperleinwand. Also der Körper ist die Leinwand, und der Körper trägt Zeichen. Der Körper trägt ja sowieso die ganzen Zeichen der Gesellschaft und der Zuordnungen, des Körperausdruckes und der Kommunikation, der Kleidung usw. Also der Körper IST einfach für sich ein Zeichen, und ein Träger, und eine Leinwand. Und diese Zeichnung lebt auf meiner Körperleinwand und ist existent auf meiner Körperleinwand so lange ich lebe. So lange ich lebe, und so lange die Künstlerin lebt, lebt auch die künstlerische Leinwand. Und das heißt auch: Es gibt für die Kunstüberlegung einen Abschluss. Und es dauert nicht alles ewig.

Wenn man jemanden tätowiert hat, oder wenn sich jemand tätowieren hat lassen, so waren das früher ja eigentlich Außenseiter der Gesellschaft. Das waren Verbrecher, das waren Prostituierte. Oder es wurde vom Staat eingesetzt, um Leute zu Außenseitern zu machen, zum Beispiel Häftlinge im KZ, die tätowierte Nummer. Wie erklären Sie sich diese Modeerscheinung des Tätowierens heute?
Es ist richtig, dass Tätowierungen Zeichen waren, gesellschaftliche Zuordnungen darstellten. Aber wenn man jetzt zurückgeht, die ganzen Rituale im afrikanischen Bereich betrachtet, oder in anderen Bereichen, waren das ja nicht Outsider. Es ging um Zuordnungen. Durch Zeichen im Gesicht oder wo auch immer wurde jemand in die Gesellschaft hinein genommen durch dieses Tätowierungsritual oder was immer. Also da gibt es schon ganz unterschiedliche Auseinandersetzungen, was Tätowieren ist.

Also das wäre die Zuordnung zu einem Stamm, eine Art Tribalisierung?
Ja, zu einem Stamm, zu einem Alter, zu einer geschlechtlichen Zugehörigkeit und diesen Auseinandersetzungen, als Rangabzeichen etcetera. Aber das war ja ganz normal. Da hat man die Leute, die Träger dieser Tätowierungen, in die Gesellschaft rein gebracht.

Dass das Piercing oder das Tätowieren heute halt so aktuell ist, ist diese Lust an Bildern. Ich sehe nicht nur Bilder, ich geh die ganze Zeit mit Bildern um, ja eigentlich bin ich selbst ein Bild und trage dann noch Bilder mit mir herum, die ich von anderen anschauen lass, und wo dann auch schon wieder Zugehörigkeiten zueinander stattfinden können. Denn es hat wer, der sich in Schweden tätowieren lässt, eine Sprache mit wem, der sich in Sizilien tätowieren lässt.

Download-Tipp
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Ausstellungs-Tipp
Noch bis 10. April 2005 läuft die Ausstellung "Valie Export. Eine Werkschau" in der Sammlung Essl

CD-Tipp
"Im Gespräch Vol. 7", ORF-CD, erhältlich im ORF Shop