Es war einmal in der Leopoldstadt

Er zählt zu den unvergleichlichen Stimmlegenden des Vorkrieg-Ensembles der Wiener Staatsoper: Helden-Tenor Max Lorenz, der vor 30 Jahren starb. Gottfried Cervenka erinnert sich an eine persönliche Begegnung aus Jugendtagen mit dem einstigen Star-Tenor.

Diesen Dienstag holt "Apropos Oper" eine Sendung nach, die bereits im Jänner stattfinden sollte, aber dem plötzlichen Tod von Victoria de Los Angeles zum Opfer fiel: Zwei Tenöre und ein Vertreter des sogennanten "Kavalierbariton"-Fachs stehen dabei im Mittelpunkt - und zwar um den vor 20 Jahren verstorbenen Karl Schmitt-Walter sowie um die beiden Tenöre Karl Friedrich, der am 15. Jänner des Jahres seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, sowie der Helden-Tenor Max Lorenz, der im Jänner bereits 30 Jahre tot gewesen ist.

Alle drei habe ich leider nicht mehr auf der Bühne erlebt, zumindest nicht in ihren wichtigsten Rollen, trotzdem verbindet mich - zumindest mit dem einstigen Wagner-Star Max Lorenz - eine unvergessliche persönliche Erinnerung.

Es war einmal in der Leopoldstadt

Es muss etwa Ende der 1950er Jahre gewesen sein, ich besuchte damals das Realgymnasium in der Vereinsgasse in Wien-Leopoldstadt. Es war eine Zeit, in der zumindest dort die Oper wirklich ganz groß geschrieben wurde.

Ein Musikprofessor namens Hanns Zimmerl war es, der mit seinem Enthusiasmus und seiner leidenschaftlichen Liebe zu diesem Genre nicht nur zum zweifellos beliebtesten Professor an dieser Schule geworden war, sondern der seine Begeisterungsfähigkeit auch wunderbar weitergeben konnte.

Opern-Stars von einst

Opernstars wie z. B. Maria Reining, Hilde Konetzny, Helge Rosvaenge oder Max Lorenz waren tatsächlich Tagesgespräch - und jeder Auftritt der Lieblinge wurde entsprechend gefeiert und kommentiert. Höhepunkt war eines Tages der persönliche Besuch von Max Lorenz in unserer Schule.

Natürlich wussten wir, dass der damals keineswegs mehr ganz junge Herr Kammersänger einst einer der weltweit bedeutendsten Helden-Tenöre gewesen war, doch leibhaftig hatten wir ihn alle kaum mehr gehört, wenigstens nicht in seinen ganz großen Partien wie Othello, Tannhäuser, Tristan, Siegfried etc.

Lorenz persönlich ...

Das kannten wir nur Platten und Bänder, die Professor Zimmerl stets mit sich schleppte und uns bereitwillig vorspielte, oft auch die große Pause vergessend. Ja und einmal ging er sogar so weit, den nachfolgenden Mathematik-Professor (samt der vorgesehenen Schularbeit) einfach mit einer Handbewegung wegzuscheuchen, war doch Tannhäuser noch mitten in seiner Rom-Erzählung ...

Und nun stand Max Lorenz tatsächlich höchstpersönlich vor uns. In einer Blitzaktion wurde buchstäblich die ganze Schule in den Festsaal zusammengetrommelt (von der ersten bis zur achten Klasse).

... und exklusiv

Denn Lorenz sollte nicht nur irgendwelche Geschichten erzählen - er war tatsächlich bereit, exklusiv für uns zu singen: Die Rom-Erzählung, den Schwert-Monolog und die Florestan-Arie, die er allerdings - und er wird gewusst haben warum - vor dem schwierigen Schlussteil einfach mit dem Wort "Schluss!" beendet hat.

Sogar ein Tonband war aufgestellt, der improvisierte Auftritt wurde mitgeschnitten, wenn auch ein Mitschüler sich ziemlich unfachgemäß an den Aussteuerungsknöpfen betätigt hat, wodurch die Aufnahme schrecklich übersteuert wurde. Trotzdem wird die Erinnerung an diese Begegnung mit einem der größten Wagner-Darsteller des 20. Jahrhunderts für mich unvergesslich bleiben.

Zimmerl - ein Mann aus einer anderen Zeit

Professor Zimmerl wurde später Nachfolger von Josef Witt an der Musikhochschule, hat dort junge Opernsängerinnen und - Sänger unterrichtet, doch das heran brechende "Regiezeitalter" war alles andere als seines. Und als er wenige Jahre nach seiner Pensionierung starb, war er ein gebrochener Mann, der nur noch seinen Erinnerungen lebte.