Paul Lendvai

Unabhängigkeit im Journalismus ist für Paul Lendvai, der seine Karriere unter der Zensur der ungarischen Kommunisten begann, eine Grundvoraussetzung. Er flieht aus Ungarn und entwickelt sich in Österreich zum anerkannten Osteuropa-Spezialisten.

Die Aufgabe des Journalismus ist es, gegen die Dummheit zu kämpfen. Gegen die Dummheit, gegen den Provinzialismus, gegen die Engstirnigkeit, gegen den Rassismus zu kämpfen, das bleibt unverändert. Die technischen Mittel ändern sich, die menschliche Natur nicht. Ich wollte immer Journalist werden, weil ich diesen Beruf für einen der schönsten halte, wenn man die eigene Unabhängigkeit bewahren kann.

Kindheit in Kriegswirren

Paul Lendvai wurde am 24. August 1929 in Budapest als Sohn jüdischer Eltern geboren. Sein erster Versuch eine Schülerzeitung zu produzieren endete zwar in einer lädierten Schreibmaschine seines Vaters; danach konnten jedoch nicht einmal widrigste Umstände Lendvais journalistische Karriere aufhalten.

Zweimal wurde Paul Lendvai verfolgt und beide Male entkam er nur mit knapper Not. 1944 verschleppten die Nazis den fünfzehnjährigen Lendvai und seinen Vater Andor. Während der berüchtigten Todesmärsche wurden Paul und Andor Lendvai von einander getrennt und von einem Ort zum anderen gehetzt. Doch Vater und Sohn hatten unglaubliches Glück, denn beiden gelang die Flucht. Andor Lendvai konnte einen Schweizer Schutzpass organisieren, wodurch das Überleben der Familie gesichert war.

Start bei Sozialdemokratischer Abendzeitung

Nach dem Krieg studierte Paul Lendvai Jura und begann zuerst bei dem Jugendorgan der Sozialdemokratischen Partei. Später schrieb er als Volontär für die Sozialdemokratische Abendzeitung.

Nachdem 1948 die ungarischen Parteien zur Einheitspartei MDP zusammengelegt wurden, kam Lendvai zum Zentralorgan "Das Freie Volk". Dort herrschte ein strenges Regime und ein kleiner Fehler in einer seiner Meldungen bedeutete für Lendvai die Strafversetzung zur staatlichen Nachrichtenagentur MIT.

Berufsverbot in Ungarn und Flucht nach Wien

Die stalinistischen Hexenjagden wirkten sich auch auf Ungarn aus. Als Mitglied der ehemaligen sozialdemokratischen Partei kam Lendvai auf die Liste der "politisch Unzuverlässigen". 1953 wurde er verhaftet und für acht Monate interniert, danach erhielt Paul Lendvai drei Jahre Berufsverbot. Nach dem Volksaufstand 1956 floh er nach Wien, wo er bis heute blieb.

In Wien konnte sich Paul Lendvais journalistische Karriere voll entfalten: Er wurde zu einem der wichtigsten Osteuropa-Analysten des Westens. Im Jahre 1959 erhielt Lendvai die österreichische Staatsbürgerschaft.

"Financial Times"-Korrespondent

Der Journalist beginnt damit, ungarische Nachrichten für westliche Korrespondenten zu übersetzen. Bald danach schreibt er selbst für die "Neue Zürcher Zeitung", "Die Presse" und "United Press International".

Von 1960 bis 1987 arbeitet Paul Lendvai als Korrespondent für die Londoner "Financial Times". Dort werden Lendvai die Grundregeln des Qualitäts-Journalismus besonders bewusst: Unbestechlichkeit und eine klare Trennung zwischen Fakten und Kommentar. Die "Financial Times" war eine "Festung der journalistischen Unabhängigkeit", schreibt er in seinen Memoiren.

Freundschaft mit Bruno Kreisky

Nach und nach lernt Lendvai die politische Elite Österreichs gut kennen. Besonders zu Bruno Kreisky, dessen Biograf er 1972 wird, entwickelt sich seit 1960 eine enge Beziehung.

1973 gründet Paul Lendvai die Vierteljahres-Zeitschrift "Europäische Rundschau", die er als Chefredakteur und Mitherausgeber bis heute leitet. 1982 wird er Leiter der Osteuropa-Redaktion des Österreichischen Rundfunks, danach wird er 1987 Intendant von Radio Österreich International.

Intendant von Radio Österreich International

Besonders in seiner Funktion als Chef von ROI sah es Lendvai als seine Aufgabe, das Österreich-Bild im Ausland zu verbessern. So reist er während der Affäre-Waldheim 1986 und während den EU-Sanktionen gegen Österreich 2000 ins Ausland, versucht durch Vorträge und Artikel das "verzerrte Österreichbild" zu korrigieren.

Einseitige Pauschal-Verurteilungen von Ländern und deren Einwohner sind Paul Lendvai gerade wegen seiner Erfahrungen in Ungarn zutiefst zuwider.