Ö1 Schwerpunkt zu Tschechows 100. Todestag
Kein Wort zu viel
Kurz, klar, knapp und straff: So hat eine Geschichte zu sein. An diese seine Devise hielt sich Anton Tschechow hundertprozentig. Ob in seinen Kurzgeschichten oder in seinen Theaterstücken: Wenige Worte sagen alles.
8. April 2017, 21:58
Persönliche Bekenntnisse - sind die interessant, geht das jemanden etwas an? Anton Tschechow waren sie ein Gräuel. Die Korrespondenz des russischen Weltautors umfasst indes über 4000 Briefe. Meist dominiert Tschechows Hang zum Understatement. "Ich war krank, jetzt bin ich wieder aufgelebt, meine Gesundheit ist wiederhergestellt." Tschechow verbarg vor seiner Umgebung seine tödliche Krankheit: Lungen-Tuberkulose. Sie war damals unheilbar.
Traurige Kindheit
Tschechow galt als reserviert. Keiner wusste so recht, was dieser nach außen hin kommunikative und humorvolle Mann in seinem Inneren dachte. Die Distanz mag ihre Wurzeln in der Kindheit haben. Um es kurz zu sagen: Anton Pawlowitsch hatte keine Kindheit.
Aufgewachsen in Taganrog, einer südrussischen Hafenstadt am Asowschen Meer, ist er das dritte von sechs Kindern. Der Vater, ein frömmelnder Haus-Tyrann, betreibt einen schlecht gehenden Krämerladen. Die Mutter ist mit der ständig wachsenden Kinderschar überfordert. Die Kinder müssen im Laden mitarbeiten: Entbehrungen, keine Sonne, keine Zärtlichkeit. Dafür: Züchtigungen.
Geliebte Literatur
Der junge Mann beginnt zu schreiben. Und obwohl seine Kindheit alles andere als lustig war, beginnt er mit Humoresken. Sie werden in Witzblättern abgedruckt und bringen dringend benötigtes Geld ein.
In Moskau studiert er Medizin. Nach nur vier Jahren promoviert er und entwickelt sich zu einem echten Humanisten: Viele seiner Patienten sind arm, er behandelt sie kostenlos. "Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte", schreibt er seinem Verleger.
Kürze, Witz, Klarheit und Einfachheit
Sachlichkeit und Objektivität sind in seinen Augen die wichtigsten Vorrausetzungen eines Schriftstellers. Im Zentrum von Tschechows epischem und dramatischem Werk steht der Mensch. Ihm zuzusehen, wie er sich plagt, wie er posiert, wie er betrügt, wie er sich und allen anderen etwas vormacht, und wie er letztlich scheitert gilt sein beharrliches Interesse.
Sein übergroßes Talent verhindert, dass ihn die durch Not erzwungene Vielschreiberei auslaugt. Der beständige Druck hat auch sein Gutes: Kürze, Witz, Klarheit und Einfachheit, die Gebote der Redaktionen, prägen seinen Stil: knapp, straff, lakonisch. Kein Wort zu viel.
Von "Platonow", seinem dramatischen Erstling, bis zum letzten Meisterwerk, "Der Kirschgarten", gilt das Wort des großen Anton-Tschechow-Übersetzers, Peter Urban: "Nach Shakespeare ist Tschechow der größte Menschendarsteller der Literaturgeschichte."
Hör-Tipps
Radiokolleg, Montag, 5. Juli bis Donnerstag, 8. Juli, 9:30 Uhr (WH 22:15 Uhr):
Kein Wort zu viel. Die belletristische Garderobe des Anton P. Tschechow.
Ex libris, Sonntag, 11. Juli, 18:15 Uhr:
Rezension von Peter Urbans "Cechov-Chronik", Daten zu Leben und Werk, Diogenes Verlag
Tonspuren, Sonntag, 11. Juli, 21:15 Uhr:
Der Sprachverwandler. Peter Urban, Übersetzer, Slawist, Ehrendoktor. In den letzten 35 Jahren hat Peter Urban an die 70 Bücher russischer Autoren ins Deutsche übertragen. Vor allem Anton Tschechow ist dem Berliner Übersetzer längst zum Alter Ego geworden.
Radiogeschichten, Montag, 12. Juli, 11:40 Uhr:
"Von der Liebe". Erzählung von Anton Tschechow.
Radiogeschichten, Dienstag, 13. Juli, 11:40 Uhr:
"Welcher der drei?" Erzählung von Anton Tschechow.
Hörspiel-Studio, Dienstag, 13. Juli, 20:30 Uhr:
"Drei Schwestern" von Anton Tschechow. U.a. mit Käthe Gold und Axel Corti (Prod. 1962)
Radiogeschichten, Mittwoch, 14. Juli, 11:40 Uhr
"Der Untersuchungsrichter". Erzählung von Anton Tschechow.
