Die Balance wahren

Der Eissplitter

Eissplitter, das ist jene Distanz, die Bestandteil einer jeden Beziehung zwischen Therapeut und Patient ist. Ausgangspunkt in diesem Buch ist ein Mord, den ein 10-Jähriger begangen hat. Laut Psychiater konnte er die Tragweite seiner Tat sehr wohl abschätzen. Die Folgen?

Pat Barker: "Mich fasziniert dieser ständige Kampf zwischen sich zu viel und zu wenig einbringen."

Ist der Mensch veränderbar? Ist es möglich, ein neues, oder zumindest anderes Leben zu beginnen, indem man sich bewusst mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt? Und wie eben dieses tun? Und mit welchem Motiv, mit welcher Absicht?

Kreisen um brisante Fragen

Um diese schlichten und zugleich fundamentalen existenziellen und brisanten Fragen kreist Pat Barkers Roman "Der Eissplitter". Mit diesem Roman ist ihr ein packender, von psychologischer Scharfsichtigkeit zeugender, spannender literarischer Thriller gelungen, dessen sprachliche Qualitäten sich jedoch auf der Grundlage der deutschsprachigen Version nur unzureichend ausmachen lassen.

Die übersetzte Version präsentiert sich an nicht wenigen Stellen sprachlich sehr holprig, wodurch das Lesen dieses Textes immer wieder dadurch unterbrochen wird, dass man sich fragt, wie die unwegsame deutsche Version wohl im englischen Original geklungen haben mag.

Therapeut und Patient

Zurück zu den Eissplittern, die in diesem Roman jene mehr oder minder notwendige Distanz in Form eines klirrenden Bildes fassbar zu machen versuchen, die Bestandteil einer jeden Beziehung zwischen Therapeut und Patient ist. Eine Distanz, die nur dann nicht zum auf alle Beteiligten entfremdend sich auswirkenden Eissplitter wird, wenn sie ihr Verhältnis zur notwendigen Empathie, zum unabdingbaren Grad an Beteiligtheit nicht aus den Augen verliert. Pat Barker spricht in diesem Zusammenhang von einem unaufhörlichen Kampf.

Der englische Originaltitel "Border Crossing" macht deutlich, was dieser Text Pat Barkes zu beleuchten versucht: den Verlust der Balance zwischen Sich-Einlassen und Distanz-Nehmen. Zugleich geht es um das Ringen um diese Balance.

Tom und Danny

"Vermutlich glauben Sie an die Kraft, sich zu ändern", sagt an einer Stelle im Text eine der Figuren zu Tom, dem Protagonisten des Romans, an dessen zunehmend unsicherer werdende Perspektive der Text gebunden ist.

Tom ist Psychologe und arbeitet mit straffälligen Jugendlichen. Und die Beziehung, die in diesem Text eindringlich dargestellt wird, ist die zu einem Burschen namens Danny, der als etwa 10-Jähriger eine 78-jährige Frau ermordet hat und mittlerweile - ausgestattet mit neuer Identität - auf freiem Fuße ist.

Gewollte Wiederbegegnung

Ein Fall, in den Tom, Experte für Verhaltensstörungen, zunächst als gerichtlicher Sachverständiger damals, vor 13 Jahren, in seinem Gutachten zu dem Schluss kam, dass der Bub die Tragweite seiner Tat sehr wohl verstehen konnte.

Jahre später rettet Tom Danny aus dem nahegelegenen Fluss. Danny wollte Selbstmord begehen. Und es stellt sich heraus, dass die Wiederbegegnung von Danny inszeniert ist. Danny will sprechen, mit Tom, über das, was war, was geschehen ist, also auch über den Mord. Und Tom lässt sich darauf ein, zunächst recht unbedarft.

Einstudierte Geschichte

Aber Danny erweckt eher den Eindruck, als hätte er seine eigene Geschichte einstudiert, als hätte er sich ein narratives Muster zurechtgelegt, das sich allmählich als systematische Widerlegung der Sachverständigenaussage erweist, die Tom, der Therapeut, vor Jahren vor Gericht abgegeben hatte.

Erst sehr spät im Text, unter dem Druck der Medien, die Dannys falsche Identität zu entlarven drohen, fängt er an zu stocken. Seine Erzählungen werden holpriger, wodurch das konstruierte, glatte narrative Muster, an dem er sich bisher festhielt und das ihn zugleich abhielt von sich, zerbricht und ihn schließlich zum Mord, zu seiner Geschichte vordringen lässt.

Therapie statt Heilung

Und dieser spannungsreiche und gekonnt komponierte Text Pat Barkers lässt keinerlei Zweifel daran, dass auch therapeutische Maßnahmen keine Heilung versprechen können, vielleicht einen Weg weisen können in Richtung Balance zwischen Distanz und Bezugnahme. Und die eingangs gestellte Frage, ob der Mensch veränderbar ist, bleibt offen, und eben dies scheint die einzig richtige, weil wenig beruhigende Antwort zu sein.

Buch-Tipp
Pat Barker, "Der Eissplitter", übersetzt von Barbara Ostrop, dtv München 2003, ISBN 3423243511