Elfriede und Elfriede

Regisseurin Hanna Laura Klar hat in dem Film "Elfriede und Elfriede" den beiden Dichterinnen Jelinek und Gerstl einen 80-minütigen Dokumentarfilm gewidmet, und die Freundschaft der beiden, die nicht nur ihr Beruf, sondern auch ihre Liebe zur Mode verbindet, porträtiert.

Das "ewige Mädchen" Elfriede Jelinek

Sie spazieren Seite an Seite durch die Wiener Innenstadt, schlendern an Schaufenstern vorbei, trinken eine Melange im Café Korb oder kaufen am Naschmarkt ein. Die große blonde Elfriede Jelinek und die zierliche rotgelockte Elfriede Gerstl. So beginnt die Regisseurin Hanna Laura Klar ihren Film "Elfriede und Elfriede".

Mehr Verbindung als derselbe Vorname

Ein Jahr lang hat Hanna Laura Klar die beiden mit der Kamera begleitet und ist ihrer Freundschaft auf den Grund gegangen. Was Gerstl und Jelinek verbindet ist mehr als derselbe Vorname. Beide wurden sie geprägt von der Kindheit in Wien, von einer äußerst dominanten Mutter und von den jüdischen Wurzeln.

Die Regisseurin hat Elfriede Jelinek bei Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm über Einar Schleef kennen gelernt. Damals machte Jelinek ihr den Vorschlag, doch einen Film über die in Deutschland wenig bekannte Elfriede Gerstl zu drehen. "Beide, Jelinek und Gerstl, interessieren sich für Mode und Kleider und so haben wir das langsam entwickelt," erzählt Hanna Laura Klar.

Schöne Kleidung zum Sammeln und Tarnen

Für Elfriede Gerstl, die alle Flohmärkte Wiens nach schönen alten Kleidungsstücken abgrast, ist Mode zur Sammelleidenschaft geworden. Für Elfriede Jelinek hingegen bietet Kleidung die Möglichkeit, sich dahinter zu verstecken. Beide erklären sich ihre Liebe zur Mode aus einem Mangel heraus. Bei Elfriede Gerstl, die als Kind jüdischer Eltern den Zweiten Weltkrieg in einem Versteck in Wien überlebt hat, ist es die Kompensation eines materiellen Mangels, bei der anderen, weil sie einfach nichts kaufen durfte.

"Die Jelinek durfte keine schönen Kleider haben, weil die Mutter sonst eifersüchtig gewesen wäre, es war also das Konkurrenzverhalten," so die Regisseurin. Und Elfriede Jelinek ergänzt: "Unsere Mütter waren sicher sehr unterschiedlich, aber sie waren Täterinnen, jede auf ihre Weise, die eine passiv, die andere aktiv."

Getrennt durch ihre Dichtung

So ähnlich die beiden Frauen in verschiedenen Punkten auch sein mögen, in jenem Element, das sie grundsätzlich verbindet, nämlich dem Schreiben, trennen sie Welten. Als Gegenpole bezeichnen sie sich selbst.

Elfriede Jelinek präsentiert ihre wütenden Textkonvolute, ihre Hass- und Schimpftiraden gewissermaßen mit dem Vorschlaghammer, schleudert der Welt ihren Ekel entgegen, und spaltet - hochgeschätzt oder arg verschmäht - die Öffentlichkeit, während die 15 Jahre ältere Gerstl ihre zarte Lyrik wie mit dem Seziermesser bearbeitet, und ihre leisen feinen Gedichte lange Zeit unbemerkt und im Schatten hervorbrachte.

Durch Jelinek, die Gerstl für den Erich-Fried-Preis und den Trakl-Preis vorgeschlagen hat, wurde ihr jene öffentliche Aufmerksamkeit zuteil, um die sich eine Elfriede Jelinek schon lange keine Sorgen mehr zu machen braucht.

Unbekannte Seiten

Was den Film "Elfriede und Elfriede" auszeichnet, ist die Nähe zu den Protagonistinnen, die die Regisseurin eingefangen hat. Es mag vielleicht gewöhnungsbedürftig sein, dass sie sich selbst dabei kaum zurücknimmt, den Film kommentiert und auch in den Interviewsequenzen - zumindest akustisch - immer präsent bleibt, andererseits werden in dem lockeren Geplauder auch private und unbekannte Seiten zutage gefördert.

Bei einem Glas Wein zeigen Jelinek und Gerstl Kindheitsfotos, führen durch ihre Wohnungen, probieren Kleidungsstücke, reflektieren ihre jeweiligen Eigenheiten oder geben Einblick in ihr Privatleben.

"Ich hab das bekommen," sagt Regisseurin Klar stolz, "worauf andere Journalisten vergeblich warten."