Ein Tag im Leben eines Griesgrams
Porträt eines alten Mannes
Marlen Haushofer gilt heute als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Österreichs. Im "Porträt eines alten Mannes" schildert sie einen Tag im Leben eines einsamen Mannes und erkundet dabei behutsam seine Gedanken.
8. April 2017, 21:58
Katharina Bigus liest Marlen Haushofer
An seinem 75. Geburtstag erwacht der namenlose alte Mann um 5:00 Uhr in der Früh. Im Bett liegend, lässt er sein Leben Revue passieren. Er habe immer danach getrachtet, den Dingen auf den Grund zu gehen. Damit habe er sich nicht bei allen beliebt gemacht.
Seine Frau ist längst tot, und auch sein Sohn, sein einziges Kind, ist bereits gestorben. Der alte Mann ist einsam, doch das scheint ihn nicht weiter zu stören, denn einsam sei er immer schon gewesen. "Du bist ein boshaftes altes Scheusal", sagt der alte Mann zu sich selbst. Diebisch freut er sich darüber, dass er im Dezember geboren wurde.
Im Winter sind die Blumen besonders teuer, und seine Verwandten müssen sich ihre "zarten Gefühle", die sie für ihn hegen, einiges kosten lassen. Er hofft darauf, auch im Winter zu sterben, denn seinen Verwandten würden dann die Blumenkränze teurer zu stehen kommen, als wenn er im Sommer sterben würde. "Unrat musste mit Rosen, Lilien und Nelken bedeckt werden." Doch hin und wieder überkommen den alten Mann auch Momente, in denen er wünscht, geliebt zu werden.
Geschichten über die Scheinidylle des Lebens
In ihren Romanen und Erzählungen beschäftigt sich Marlen Haushofer intensiv mit der Rolle der Frau in der von Männern dominierten Gesellschaft. Sie beschreibt die Scheinidylle des Lebens in der Kleinstadt, Kälte und Beziehungslosigkeit. Es sind von Realismus getragene düstere Innenansichten jener Welt, in der Frauen in den 1950er und 1960er Jahren lebten.
Marlen Haushofer wurde lange als österreichische Provinz-Schriftstellerin bezeichnet, ihre Texte wurden als "Hausfrauen-Literatur" oder als "Frauen-Literatur" abgetan. In den letzten Jahren ist dieses Bild zurechtgerückt worden. Haushofer gilt als eine der bedeutendsten österreichischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts.
Die Försterstochter
Marlen Haushofer wurde am 11. April 1920 als Marie Helene Frauendorfer im oberösterreichischen Frauenstein geboren. Da ihr Vater gräflicher Revierförster war, wuchs Marlen im Forsthaus Effertsbach in der Nähe von Hinterstoder auf. Ihr Aufwachsen in der ländlichen Idylle ihrer "Waldheimat" der 1920er Jahre spielt für ihr gesamtes literarisches Schaffen eine zentrale Rolle.
Das Forsthaus am Effertsbach dient als Schauplatz in ihren Kinderbüchern "Brav sein ist schwer" (1965) und "Schlimm sein ist auch kein Vergnügen" (1970), die heute zu den Klassikern der Kinderbuch-Literatur zählen. "Die Kindheit ist", so Haushofer-Biografin Daniela Strigl, "ganz und gar die Quelle, aus der sich das Werk speist, immer wieder wird sie als entschwundenes Paradies beschworen."
"Die Wand"
In der paradiesischen Landschaft ihrer Kindheit spielt auch das bekannteste Werk von Marlen Haushofer, der Roman "Die Wand" (1963), für den sie 1963 den Arthur-Schnitzler-Preis erhielt. In den 1980er Jahren entdeckte die Frauenbewegung dieses Buch als Sinnbild weiblicher Selbstfindung für sich und trug dadurch maßgeblich zur Renaissance der Haushofer-Rezeption bei.
Von Hans Weigel gefördert
Von 1946 an veröffentlichte sie - dank der Förderung durch Hans Weigel und Bachmann-Entdecker Hermann Hakel - zuerst Kurzgeschichten, 1955 den erste Roman, "Eine Handvoll Leben", die Biografie einer Aussteigerin. 1957 folgte mit "Die Tapetentür" die Geschichte der Selbstdemontage einer emanzipierten Frau, 1958 die Novelle "Wir töten Stella".
Für den Erzähl-Band "Schreckliche Treue" erhielt Haushofer 1968 den österreichischen Staatspreis für Literatur. 1969 erschien ihr letztes Buch, der Eheroman "Die Mansarde". Am 21. März 1970 starb Marlen Haushofer 50-jährig in einer Wiener Klinik an Knochenkrebs.
Buch-Tipps
Die Bücher von Marlen Haushofer sind im Zsolnay und Claassen Verlag erschienen sowie als Taschenbücher bei dtv.
Daniela Strigl, "Marlen Haushofer. Die Biographie", Verlag Claassen, ISBN 3546001877
Hör-Tipp
Die "Leseprobe" am Sonntag, dem 14. Dezember, um 23.:45 Uhr stellt den Text "Die Steine des Pfirsichs" vor. Die Salzburger Autorin und Journalistin Brita Steinwendtner zeichnet in diesem Buch das Leben Marlen Haushofers nach.
