Darf man per E-Mail kondolieren?

Helmut Gansterer ist unter anderem als Gourmet, Reisender, Auto- und Frauenliebhaber sowie "Profil"-Kolumnist und Co-Herausgeber des "Trend" bekannt. Jetzt hat er ein unterhaltsames Buch mit Benimmregeln verfasst, die dem 21. Jahrhundert entsprechen.

Darf man per E-Mail kondolieren? - Es hängt davon ab, wer starb und wer die Post empfängt. Wenn beide zu den ganz Lieben gehören, sollte ein schnelles, feuchtes E-Mail einen gründlichen Brief ankündigen. Für alle anderen Fälle sind weder E-Mail noch gelber Brief ausreichendes Rüstzeug. Höhere Ethik verlangt, einen verhassten Verblichenen mit einem Kranz auf den letzten Weg zu begleiten, auf dem "Fahr zur Hölle!" steht. Wenn die Witwe unter ihm zu leiden hatte und außergewöhnlich gut erhalten ist, geht nichts über den phonetischen Kontakt: das schnelle alte Telefon oder ein Handy: "Sag, meine Liebe, steht in der nun halbleeren Wohnung noch diese gemütliche rote Couch? Ich lande morgen in Zürich, hol mich ab!"

Wie man an diesem Beispiel schon leicht erkennen kann: "Darf man per E-Mail kondolieren?" ist kein ganz und gar ernst gemeintes Buch. Auch Fragen wie die, ob man in einem Porsche 911 einen Talisman anbringen darf, ob man schon in jungen Jahren eine Harley fahren darf oder ob man vor dem 40er Nordic Walken darf gehören nicht gerade zum allerwichtigsten Überlebensrepertoire des angehenden Gentleman. Tatsache ist, dass einem im Alltag mannigfach Dinge begegnen, die Anstoß für das Schreiben eines genau solchen Buches sein könnten.

T-Shirt zum Dinner-Jacket?

Das Buch funktioniert nach dem Frage-Antwort-Prinzip. Auf Fragen wie "Darf man das Buffet an der Dessert-Seite beginnen?", "Darf man reifen Männern in den Mantel helfen?" oder "Darf man unter einem Dinner-Jacket ein T-Shirt tragen?" folgen recht launige und zum Teil sehr ausführliche Antworten.

Heute gibt es T-Shirts ohne Aufdruck in gedeckten Farben und so wertvoll gewirkt, dass sie im Dreierpack so viel kosten wie das Dinner-Jacket selbst. Ein Beispiel: Leonard "Lenny" Bernstein. Er trug als Gast von Marcel Prawy eine Anzug-T-Shirt-Kombi, die nicht von dieser Welt war. Erstens die Tertiärfarben. Im Graublautitan freundlicher Gewitterwolken der Anzug, das T-Shirt in dunklem Rostrotbraun, wie man es sonst nur in den Augenrändern von Richard Burton sah. Zweitens die Haptik: Alles fiel weich wie Kaschmir. Daneben sah jeder korrekte Diplomat und Kolonialoffizier im schwarzen und weißen Dinner-Jacket, weißem Hemd und Vatermörder wie ein aufstrebender albanischer Kellner aus.

Das klare "Ja" oder auch "Nein" ist in diesem Buch die absolute Ausnahme und wird auch wirklich nur bei so genannten Nona-Fragen vergeben. Ansonsten sind die Antworten, die man eher "Antwort-Essays" nennen müsste, im Großen und Ganzen ein unterhaltsamer Bericht aus der Welt des Helmut Gansterer - augenzwinkernde Selbstdarstellung inklusive.

Buntes Fragen-Potpourri

Die Fragen, so der Autor, stammen zum Teil von seiner Frau Martina Gansterer, zum Teil von seinem Verleger Dietmar Sternad, beide unterstützt von ausgewählten Zuträgern und Zuträgerinnen, die ihre jeweils drängendsten Benimmfragen für den in der Journalistenszene "Edelfeder" genannten Wirtschafts- und Society-Kolumnisten deponierten.

So entstand ein buntes Potpourri aus echten Benimm-Fragen wie "Darf man fremde Kinder belehren, die sich schlecht benehmen?" oder "Darf man ein Du-Wort ablehnen?" über Fragen des Kunstverstands oder der Political Correctness: "Darf man ein Gemälde in einer anderen Farbe bestellen?" oder "Darf man in Gegenwart eines Tierschützers Gänseleber bestellen?" bis hin zu Fragen von nahezu philosophischer, Woody-Allen-hafter Tiefe wie "Darf man in geselliger Runde zugeben, an göttliche Vorsehung zu glauben?".

Antwort: Ja, in so genannter geselliger Runde darf man alles. Man darf beliebig schwachsinnig sein. Man darf dann auch zugeben, der beste Liebhaber oder die beste Liebhaberin aller Zeiten zu sein. Wirklich Höfliche aber werden sich auch im Zustand feinster Erfrischung an die erzene Regel erinnern: Man sollte nur Niederlagen, niemals Siege erzählen.

Ein Buch wie eine Pralinenschachtel

Beim Lesen entwickelt sich schnell eine Art Suchtdynamik, denn das Buch funktioniert wie eine Schachtel voller Pralinen: Jede Praline verlockt dazu, sie zu probieren. Sprich: Man möchte dann aber wirklich auch auf jede noch so verschrobene Frage die - erwartbar sehr subjektive - Antwort wissen. Und beim Durchkosten der verhaltenstechnischen Besonderheiten finden sich auch Trüffeln übergeordneter, höherrangiger Höflichkeit.

Frage: Gibt es eine oberste Höflichkeit, die alles überragt?
Antwort: Ja, die oberste Höflichkeit läge darin, jedem Mitmenschen, wie immer sich dieser im Moment darstellt - als Präsident oder Penner-, mit größtem Respekt zu begegnen!

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Helmut Gansterer, "Darf man per E-Mail kondolieren? Der Knigge des 21. Jahrhunderts", Pichler Verlag, ISBN 978-3854314332