VIOLETTA WAKOLBINGER
1940 - 2026
Medien- und Performancekünstlerin VALIE EXPORT verstorben
Ihr 85. Geburtstag wurde mit einem großen Fest im Belvedere 21 gefeiert. Ihren 86. Geburtstag am 17. Mai erlebt VALIE EXPORT nicht mehr. Die weltbekannte Medien- und Performancekünstlerin, Filmemacherin und feministische Theoretikerin ist am Donnerstag in Wien gestorben. Das gab die VALIE EXPORT Stiftung gegenüber der APA bekannt.
14. Mai 2026, 17:59
APA / GEORG HOCHMUTH
VALIE EXPORT im Jahr 2023, im Rahmen einer Presseführung zu ihrer Retrospektive in der Wiener Albertina
Ihr erstes Objekt war 1966 eine Zigarettenpackung mit ihrem Porträt und dem an die Zigarettenmarke "Smart Export" angelehnten Künstlernamen: VALIE EXPORT. Verpflichtend in Versalien geschrieben, sollte er als unübersehbares Statement wirken: Hier ist jemand ernst zu nehmen!
Tatsächlich wurden in der Folge Aktionen wie das "Tapp- und Tastkino" (1968), bei dem sie ihre nackten Brüste betasten ließ, die im Schritt offene "Aktionshose Genitalpanik" oder "Aus der Mappe der Hundigkeit", bei der sie Peter Weibel an einer Hundeleine durch die Wiener Innenstadt spazieren führte, Ikonen feministischer Kunst und zur Inspiration mehrerer Generationen von Künstlerinnen.
"In einem Frauenhaushalt aufgewachsen"
Geboren wurde VALIE EXPORT am 17. Mai 1940 in Linz als Waltraud Lehner. "Ich bin in einem sogenannten Frauenhaushalt aufgewachsen", erzählte sie einmal in einem APA-Interview über ihre frühe Prägung. "Meine Mutter war Kriegswitwe. Wir waren drei Schwestern, und unsere Mutter musste das Leben mit ihren drei Mädchen gestalten. Ihr Ziel war, dass jede ihre Töchter studieren kann, um einen besseren Start zu haben und ihr eigenes Geld zu verdienen. Mit diesem Gedanken bin ich aufgewachsen und erzogen worden - und diesen Gedanken wollte ich weitergeben." Wie wenige andere steht VALIE EXPORT für die Einheit von gesellschaftlichem, künstlerischem und persönlichem Aufbruch.
Tapp- und Tastkino
VALIE EXPORT
Als die junge Frau, die nach der Klosterschule die Kunstgewerbeschule in Linz besuchte, mit 18 ein Kind bekam (sie nannte es Perdita, die Verlorene), heiratete sie. Doch schon bald brach sie mit ihrer bürgerlichen Existenz. 1960 zog sie nach Wien, studierte an der Höheren Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt für Textilindustrie Textildesign und fand Anschluss an die Künstlerkreise rund um die Wiener Gruppe, Art Club und "Strohkoffer". Aufgrund ihres "Lebenswandels" wurde ihr das Sorgerecht für ihrer Tochter (die später auch Medienkünstlerin wurde) entzogen.
Körperaktionen und Expanded Cinema
Im Umfeld des Wiener Aktionismus - sie war mit Peter Weibel, Hermann Nitsch und Kurt Kren Mitglied des von Otto Muehl und Günter Brus gegründeten "Wiener Instituts für direkte Kunst" -, dessen Frauenbild sie jedoch ablehnte, sorgte sie mit Körperaktionen und Expanded Cinema-Arbeiten auch auf den Chronikseiten der Zeitungen für Schlagzeilen. 1970 präsentierte sie in London ihre erste Videoarbeit "Split Reality", in der dreiteiligen Fernseharbeit "Das Bewaffnete Auge" setzte sie sich in den Dialog mit der Filmavantgarde, ihre Filme "Unsichtbare Gegner", "Menschenfrauen" und "Die Praxis der Liebe" wurden bei den Filmfestspielen in Berlin gezeigt.
An ihren grundsätzlichen künstlerischen Anliegen - "Körper, Konzept, Medien" - hat sich danach ebenso wenig geändert wie an ihrem Kampf für Emanzipation, die sich heute gegen einen gesellschaftlichen Backlash behaupten müsse, so die Künstlerin vor etwas mehr als einem Jahr: "Es kommt wieder dazu, dass die Frauen kämpfen müssen. Das macht mich traurig und wütend, denn wir haben wirklich vieles gemacht."
VALIE EXPORT, 2024
APA / HANS KLAUS TECHT
Nur der Große Österreichische Staatspreis blieb aus
VALIE EXPORT nahm an unzähligen internationalen Ausstellungen u.a. im Pariser Centre Pompidou, bei der documenta und im New Yorker MoMA ebenso teil wie an internationalen Filmfestivals. 1980 war sie mit Maria Lassnig offizielle Vertreterin Österreichs auf der Biennale in Venedig, 2009 Kommissärin. 1991 bis 1995 war VALIE EXPORT Professorin für Gestalten mit technischen Bildmedien, 1994/95 auch Vizepräsidentin der Hochschule der Künste Berlin. Von 1995 bis 2005 lehrte sie als Professorin für Multimedia-Performance in Köln.
1995 wurde ihr der EA-Generali-Skulpturenpreis zuerkannt, im Jahr 2000 wurde sie mit Oskar Kokoschka-Preis sowie dem Alfred-Kubin-Preis ausgezeichnet. 2003 erhielt die Künstlerin das Goldene Ehrenzeichen Wiens, 2005 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst und 2009 das Ehrendoktorat der Kunstuniversität Linz. 2014 wurde sie in New York mit dem von Yoko Ono gestifteten "Courage Award for the Arts" ausgezeichnet, der mutiges Kunstschaffen würdigt, das gesellschaftlichen oder politischen Hürden trotzt. Die höchste Kunstauszeichnung Österreichs, den Großen Österreichische Staatspreis, "hat man mir bis jetzt verweigert", sagte sie im letzten großen APA-Interview. Das blieb bis zuletzt so.
VALIE-EXPORT-Ausstellung im Wiener mumok im Jahr 2012
ALEXANDER KLEIN / AFP
Ein "sehr lebendiges Center" und eine Stiftung
In der Linzer Tabakfabrik eröffnete 2017 das mit einem angekauften Teil des Vorlasses der Künstlerin bestückte "VALIE EXPORT Center, Forschungszentrum für Medien- und Performancekunst". "Das wird sehr gut benützt und sehr gut aufgenommen. Wir haben auch Gastprofessuren und junge Künstlerinnen, die ihre Master- oder Diplomarbeiten schreiben", freute sich die Künstlerin. "Es ist ein sehr lebendiges Center." Künftig wird sich die VALIE EXPORT Stiftung um das Werk der Künstlerin kümmern.
Text: APA/red.
