Das perfekte Chaos

Der Satz "In meinem Chaos finde ich mich bestens zurecht" fällt oft. Dass diese Aussage eine wahre ist, das wurde nun wissenschaftlich bewiesen. Von einem Management-Professor und einem Wirtschaftsjournalisten, von Eric Abrahamson und David Freedman.

"Ich bin Professor für Management und bezeichne mich selber als optimal desorganisiert", sagt Eric Abrahamson über sich selbst. Diese Spannung habe ihn angeregt über Zusammenhänge nachzudenken.

Das Ergebnis dieser Überlegungen ist das Buch "Das perfekte Chaos", das Eric Abrahamson gemeinsam mit dem Wirtschaftsjournalisten David Freedman, verfasst hat. Die Autoren rehabilitieren darin ein gewisses Maß an Schlamperei in allen Bereichen, - von der Politik bis zur Firmenorganisation und dem eigenen Kleiderschrank. Ihre zentrale These: Ordnung ist überbewertet.

Repräsentatives Sample

Um festzustellen, was Ordnung bzw. Unordnung darstellt, befragten die Autoren mehr als 200 Personen. "Es gibt keinen absoluten Maßstab für Unordnung", fasst Eric Abrahamson das Ergebnis zusammen: "Es gibt extreme Ordnung und extremes Chaos. Doch dazwischen gibt es keinen Durchschnittswert, der auf die Mehrheit der Leute zutreffen würde."

Der Wirtschaftsprofessor versteht Unordnung als das Versagen, eine idealisierte Ordnung zu erreichen. "Meine idealisierte Ordnung beschränkt sich darauf, Dinge in Stöße zu organisieren. Solange es nicht zu schlimm ist, und ich effektiv arbeiten kann und ich nicht gerade etwas Wichtigeres zu tun habe, ist es so, wie es hier im Büro aussieht, völlig akzeptabel", gibt Abrahmson ein persönliches Beispiel.

Sein Büro an der Universität ist moderat chaotisch. Auf dem Schreibtisch ist an verschiedenen Stellen die Tischplatte sichtbar. Auf allen Ablageflächen stapeln sich jeweils etwa 20 Zentimeter hohe und recht ordentlich geschlichtete Papierstöße. Die Bücherregale des Professors für Organisation machen einen entschieden unorganisierten Eindruck. Bücher stehen in schiefen Reihen mit Stößen obendrauf, deren Gleichgewicht sich prekär ausnimmt.

Der Terror der Organisationsberater
In den USA sind ganze Wirtschaftszweige darauf ausgerichtet, Chaos in den Griff zu bekommen. Wenn Leute es nicht ohne Hilfe schaffen, ihre eigenen vier Wänder in Ordnung zu halten, heuern sie persönliche Organisationsberater an.

Abrahamson hält den Trend, sich für tausende Dollar einen Ordnungsberater zu engagieren, für eine typisch amerikanische Modeerscheinung. In diesen Trend passen auch Geschäftsketten wie "The Container Store", wo man für alles eine Organisationshilfe findet: Von den Gewürzen bis zur Bügelwäsche, den Socken, Reisekosmetika und Steuerbelegen.

Die Wirkung des Großen im Kleinen
Das gesteigerte Bedürfnis nach Ordnung, so der Autor, reflektiere mehr als den Wunsch nach einer aufgeräumten Umgebung: "Hier in den USA bewirken der Irakkrieg und die allgemeine politische Lage eine große Verunsicherung. Vermutlich haben die Menschen das Gefühl, sie haben die Dinge im Griff, wenn ihre unmittelbare Umgebung ordentlich ist. Was die Politik, den Krieg oder Gewaltverbrechen betrifft, können sie nichts ausrichten. Aber sie können ihren Schreibtisch in Ordnung halten."

Ordnung, so argumentieren professionelle Organisationsberater, spare Zeit. Das, so die Autoren, sei falsch. Ihre Umfrage hat ergeben: Ordentliche Menschen suchen genauso oft und genauso lange nach ihren Wohnungsschlüsseln, ihren Brillen oder dem Führerschein wie schlampige.

Außerdem fördere Unordnung Kreativität. Man sieht Dinge nebeneinander vor sich liegen, die durch Ordnung von einander getrennt wären. "Leute, die einen Artikel schreiben, haben oft viele andere Artikel rund um sich liegen. Dadurch sehen sie verschiedene Zugänge parallel", erzählt Abrahamson aus eigener Erfahrung.

Gleiches gilt für soziale Felder wie Unternehmensorganisationen, den Wissenschaftsbetrieb und die Stadtplanung.

Selbstbezügliches Beispiel
Auch das eigene Buch wäre beinahe den straffen Organisationsprinzipien des Verlags zum Opfer gefallen, erinnert sich Abrahamson: "Als wir das Buch vorschlugen, fragten die Leute vom Verlag: 'In welches Regal in einer Buchhandlung würde es hingehören? Unter Wissenschaft oder Wirtschaft oder Selbsthilfe?' Und dann sagten sie, wir könnten dieses Buch nicht schreiben, wenn es in keine Kategorie passt."

Amerikanische Buchhandlungen haben für das "Das perfekte Chaos" einen Platz gefunden. Es steht unter Soziologie, einer beliebten Sammelkategorie.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Eric Abrahamson, David Freedman, "Das perfekte Chaos", aus dem Amerikanischen von Christoph Bausum, Econ Verlag 2007, ISBN 9783430300094

Link
Econ Verlag - Das perfekte Chaos