Das Habitat des modernen Menschen
Das Büro
Gute 970.000 Menschen verbringen in Österreich mindestens fünf Tage die Woche im Büro. Zumeist mehr als acht Stunden am Tag. Wie privat darf es in einem Büro zugehen? Wie benimmt man sich, um die Karriere zu machen, die man sich wünscht?
8. April 2017, 21:58
Das Wort "Büro“ leitet sich aus dem Französischen ab. "Bureau" bedeutet soviel wie "grober Wollstoff". Denn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren Schreibtische und Schreibpulte mit solchen Wollstoffen bespannt.
Die ersten Verwaltungsräumlichkeiten entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Während die Produktionsstätten an die Peripherie verlegt wurden, etablierten sich deren Verwaltungsbureaus aus Kommunikations- und Repräsentationsgründen im Stadtkern.
Zelle oder Großraum
Schon um die Jahrhundertwende wurden die großen amerikanischen Bürosäle mit einem Element der Überwachung ausgestattet: Entsprechend den Kontrollwarten in den Produktionshallen wurden verglaste Räume installiert, von denen aus der Vorgesetzte seine Untergebenen offen kontrollieren konnte. Anfänglich nahmen diese "General Offices" oder "Bull Penn Offices" keinerlei Rücksicht auf die vorhandenen beleuchtungs-, klima- und schalltechnischen Probleme, obwohl bis zu tausend Angestellte in einem Raum saßen.
"Open Plan", so der Architekt und Bürospezialist Dustin Tusnovics, "ist eine amerikanische Erfindung. In den USA war man viel innovativer bei der Gestaltung der Bürostruktur. Das zeigt sich an großen Bürogebäuden aus den 1920er und 1930er Jahren in New York, Boston und Chicago. Dort ist der klassisch amerikanische Bürotypus entstanden: Erst über das Sekretariat kommt man zu den "eigentlichen" Leuten. Im Gegensatz zur österreichischen und deutschen Kultur, in der es mehr um die Fassade ging. Im Neoklassizismus war innen alles relativ neutral, militärisch, preußisch strukturiert: Zimmer neben Zimmer."
Verflachung der Hierarchien
Heute werden Hierarchien verflacht. Langsam aber sicher verschwindet damit die Statussymbolik von Fensterachsen, Teppichen und Büromobiliar. Büros nicht mehr nach territorialen Ansprüchen, sondern nach Funktion zu bauen, ist ein sehr junger Trend.
Mit der Verflachung geht auch die Verlagerung der Entscheidungen einher: "In den letzten Jahren beobachten wir damit auch eine deutliche Verlagerung der Verantwortung in Büros von oben nach unten", sagt Michael Meyer, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien. "Allerdings nicht begleitet von einer Verteilung der Einkommen von oben nach unten. Nie zuvor hat es eine derartig große Diskrepanz zwischen den Gehältern von Top-Managern und mittlerem Management gegeben. Da sind zwei unterschiedliche Entwicklungen zu beobachten: Verantwortung verteilt sich nach unten, nicht so das Einkommen."
Die Technik erobert die Büros
Durch Laptops und Handys ist die Gebundenheit an einen fixen Arbeitsplatz nicht mehr gegeben. Das bedeutet Freiheit für die einen und Verunsicherung für die anderen.
Als eine Bedrohung empfinden zum Beispiel viele Menschen das Büro, das in die Handtasche passt: Der berühmt berüchtigte Blackberry, der E-Mails empfängt und das Surfen im Internet erlaubt. Jederzeit erreichbar, jederzeit verfügbar, jede Handlung nachvollziehbar.
Work/Life -Balance
Wenn die Arbeitszeit nicht mehr von der Anwesenheit im Büro abgegrenzt wird, ist es schwer, klare Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zu ziehen. Privates und Berufliches zu vermischen kann belastend sein. Jederzeit auf Abruf, immer potentiell professionell. Dauernde Unterbrechungen durch E-Mails, Anrufe und das Internet.
Die Spitzenreiter der Unterbrechungen sind die US-Amerikaner. Laut einer Studie verliert die amerikanische Volkswirtschaft 588 Milliarden Dollar jedes Jahr durch die ständigen Unterbrechungen im Büro. Elf Minuten, sagen einschlägige Studien, kann sich der durchschnittliche Büroangestellte mit einem Thema befassen, bevor er oder sie unterbrochen wird.
Hör-Tipp
Radiokolleg, Montag, 10. September bis Donnerstag, 13. September 2007, 9:30 Uhr
