Wiedergefundene Freiheit und Selbstbewusstsein
IV. Die Erfindung des Mittagsjournals
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8. April 2017, 21:58
Am 10. April 1967 war der offizielle Arbeitsbeginn der neuen Führung. Und an diesem Tag hielt der frisch bestellte Generalintendant ("… Ich ersuche Sie, mich als Herr Bacher anzureden …") seine Antrittsrede vor der Belegschaft im Wiener Funkhaus, in der er unter anderem "jene Mitarbeiter, die sich an die Rolle des Prügelknaben schon allzu sehr gewöhnt haben" ersucht, "sich wieder um einige Zentimeter mehr Brustumfang zuzulegen … Es soll bei uns freier und selbstbewusster zugehen als bisher …"
Reform als "volles Programm"
Bedeutende Umstrukturierungs- und Investitionsprogramme wurden in Angriff genommen, Personal transferiert, baulich die letzten Kriegsschäden beseitigt, Studios neu gebaut, die technische Ausstattung auf den neuesten Stand gebracht. In der Technik gab es daher im Gegensatz zum Programm keine Ängste, sondern Euphorie.
Anfang der 1960er Jahre war die Finanznot des Unternehmens so groß, dass zeitweise nur mehr zwei der drei Radioprogramme ausgestrahlt werden konnten - und selbst die hatten als Strom-Sparmaßnahme um 22:00 bzw. 20:00 Uhr Sendeschluss. Das dritte (Stereo-Versuchs-)Programm wurde eingestellt.
"Es war eine unheimliche Pionierstimmung bei der Technik", erinnert sich der Tonmeister Ing. Kurt Kindl, "wir waren euphorisch. Plötzlich hat niemand mehr über Geld geredet. Wir besorgten überall modernes Equipment. Der ganze alte Krempel wurde gegen neues Gerät ausgetauscht. Es gab in jeder Hinsicht volles Programm …"
Dazu kam die wirtschaftliche Reform: "Der Rundfunk ist aber nach kaufmännischen Prinzipien zu führen, um im Interesse der Konsumenten = Geldgeber die größtmögliche Wirtschaftlichkeit zu sichern … Die Einführung einer in Industriebetrieben selbstverständlichen Kostenrechnung soll echte Kalkulation ermöglichen …" (Bacher)
Erste Dienstanweisung
Sie stammt vom 2. Mai 1967 und betrifft die aktuellen Sendungen: "Der Hörfunk-Programmdirektion UND der Chefredaktion ist jeweils eine halbe Stunde vor den einzelnen Nachrichtensendungen eine Liste mit den Titeln der vorliegenden bearbeiteten Meldungen vorzulegen. Auf dieser Liste sind jene Meldungen, die in Sendung gehen, durch die Beifügung eines Pluszeichens (+) zu kennzeichnen…"
Man kann daraus schließen, dass den alt gedienten Mitarbeitern mit ihren eingespielten politischen Reflexen nicht getraut wurde … Als Hauptaufgaben der Information wurden festgelegt:
"1. Bessere Information aus dem Ausland und für das Ausland …
2. Umfassende Information aus Bund, Ländern, Gemeinden und aus allen Bereichen des geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens. Wir machen keine Innenpolitik, sondern wir referieren darüber …"
Und in der Ankündigung in "Radio Österreich" hieß es: "Im Rahmen der generellen Programmreform, die nicht vor Herbst durchgeführt werden kann, ist für die Mittagsstunde ein ausgebautes Radiojournal geplant, das zur Zeit aus Mangel an Personal und an technischer Ausrüstung noch nicht gesendet werden könnte."
Zu den notwendigen Personalrochaden gehörte, dass Doktor (darauf legte er laut Dolores Bauer gesteigerten Wert) Hellmuth Bock vom Landesstudio Wien in die Hörfunkdirektion versetzt wurde: "Er ist dort mit dem Aufbau der neu zu schaffenden Hauptabteilung Information und Dokumentation, besonders mit der Gestaltung der Mittag- und Abendjournale in Österreich 1, betraut …" (Dienstanweisung des Generalintendanten Gerd Bacher vom 3.8.1967)
"Wir fuhren für die Sendung 'Wir blenden auf, wir blenden ein' zur Weltausstellung nach Montreal", erinnert sich Gundomar Eibegger, "und da haben wir im Hotel etwas gesehen, was für uns völlig neu war: einen 'Anchorman'. Da sitzt ein Mann, der Korrespondenten aufruft, Zwischentexte macht und eine Stunde lang durch die Sendung führt. Da sagten wir uns: So etwas müssten wir im Radio in Österreich auch machen."
Chefredakteur Bock arbeitete ein Konzept aus. Bacher: "Genau das will ich. Suchen Sie sich eine Mannschaft und fangen Sie an." So begann das Mittagsjournal.
Buch-Tipp
Alfred Treiber, "Ö1 gehört gehört - Die kommentierte Erfolgsgeschichte eines Radiosenders", Böhlau Verlag, Wien 2007
