Enge Straße

Dem Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse ist es zu verdanken, dass der Roman "Enge Straße" des katalanischen Autors Josep Pla jetzt auf Deutsch vorliegt. Pla führt mit seinem Roman in eine vergangene Zeit und eine abgelegene Provinz von Katalonien.

Die Tatsache, dass das Publikum glaubt, ein Roman müsse eine Handlung haben, bedeutet noch lange nicht, dass das Leben eine hat. Dieses Bedürfnis des Publikums beweist nur, dass das Leben, auf die literarische Ebene versetzt, eine formlose, chaotische Absonderung von Bildern ist.

So begründet der katalanische Autor Josep Pla im Vorwort zu seinem Roman "Enge Straße" die Überzeugung, dass "Romane, die eine Geschichte erzählen, nicht das Leben widerspiegeln, sondern vielmehr etwas Erzwungenes an sich haben".

"Ein Roman ist ein Spiegel"

Josep Pla, ein Klassiker der katalanischen Literatur des 20. Jahrhunderts, wollte in diesem Roman eine Maxime von Stendhal umsetzen: "Ein Roman ist ein Spiegel, der eine Landstraße entlang spaziert." Und tatsächlich ist der ganze Roman auf eine einzige Straße konzentriert, die "enge Straße" eben, in der ein Tierarzt Wohnung genommen hat und das erste Jahr an seinem neuen Wirkungsort verbringt, dem katalanischen Dorf Torelles. Dorthin fährt man von Barcelona aus mit dem Zug nach Marina de Torelles, von dort geht es mit dem Bus zwölf oder dreizehn Kilometer landeinwärts.

Aber Barcelona scheint weit entfernt; Torelles ist eine eigene kleine Welt, ein abgeschlossener sozialer Mikrokosmos. Josep Pla hat ein genaues, journalistisch trainiertes Auge darauf und registriert präzise den Unterschied zwischen den alteingesessenen Bürgern und den neuen Fabrikanten, er kennt auch die Proletarier, und natürlich macht sein Tierarzt Bekanntschaft mit den verschlagenen Bauern.

Kleine Tratschgeschichten

Vom Tierarzt selbst erfahren wir nicht viel, er ist kaum involviert in die Handlung, nur selbstverständlich präsent wie das Auge der Kamera; oder eben wie ein Spiegel. Nur gelegentlich reflektiert er über sich selbst:

Kannst du einfach so hinnehmen, zwischen diesen mechanistischen Formen der Banalität, der Lächerlichkeit gelandet zu sein?

Als Erzähler hält er sich aus allem heraus und notiert:

Ich bin weder geschwätzig noch neugierig, und darum werde ich sicherlich auch nie ein glücklicher Mensch sein. Das bisschen Heiterkeit, das über dieser Welt schwebt, besteht wahrscheinlich im Genuss von Petitessen, den kleinen, immergleichen Tratschgeschichten.

Aus diesen Sätzen spricht auch die melancholisch-ironische Distanz des Erzählers, die ihn zu Beobachtungen wie diesen befähigt:

Es war allgemein bekannt, dass das Ehepaar sich allmählich jenem Zustand beschaulicher Gleichgültigkeit näherte, der gemeinhin für Glück gehalten wird, sich aber völlig gedankenlos immer noch glücklich verliebt wähnte.

Ein bisschen Abwechslung

Der Roman spielt im Vor-Fernseh-Zeitalter, doch gibt es immerhin ein Kino in Torelles, und gelegentlich kommt eine Truppe abgehalfterter Komödianten ins Dorf, von denen es heißt:

Im Umfeld einer Großstadt sind diese Komödianten vielleicht lächerlich, aber doch human; im nackten, harten Licht der Dörfer wirken sie, als seien sie durch zu langes Kochen eingedampft.

Beobachtungen wie diese machen die Stärke des Romans aus.

Haus für Haus wird beleuchtet

Das Dorfwirtshaus und die Stammtischrituale kommen in den Blick, ein Kurzwarenladen, durch den das Eselchen Baldiri in seinen Stall getrieben wird, ein Uhrmacher, der die Komödianten nachspielt, eine Spelunke, die nur dann frequentiert wird, wenn es dort Singvögel zu verspeisen gibt, oder eine alte Frau, die heimlich am frühen Morgen den Mist der Pferde und Esel von der Straße einsammelt und zu Allerheiligen die schönsten Blumen zu verkaufen hat.

Haus für Haus wird die enge Straße ab- und ausgeleuchtet, und die wichtigsten Informationen kommen aus dem Dorftratsch. Zu ihm haben wir eine unmittelbare Verbindung, denn Franzisqueta, die Köchin des Tierarztes, ist die größte Klatschbase und erzählt alles. So richtig in Fahrt kommt sie, als das Mädchen Monteserrata drei Liebhaber hat, die sie auf der Stelle heiraten wollen. Und mitten im Alltag ereignen sich Grotesken – etwa wenn ein kleiner Bub eine kostbare Münze verschluckt hat und das halbe Dorf darauf wartet, dass sie in den Nachttopf fällt.

Unterhaltungsliteratur vom Feinsten

Hinter Geschwätz und Geschichten lauert jedoch die Stille. An einem Sommertag wird sich der Tierarzt ihrer bewusst.

In der Wohnung herrschte tiefe Stille - eine dieser gewaltigen, absoluten dörflichen Stillen, die in mir Beklemmung, ein Gefühl der Schutzlosigkeit auslösen. Aber dennoch ist diese solide, massive Stille für die wenigen Menschen, die sie ertragen können, äußerst hilfreich, weckt sie in ihnen doch das deutliche körperliche Bewusstsein der Kleinheit des Menschen auf dieser Welt. An ihren grauen Mauern prallen alle eitlen, kleinlichen Launen ab, sie sind uneinnehmbar. Mitten im Lärm fühlt der Mensch sich stark. Angesichts der Stille erkennt er seine überwältigende Nichtigkeit, seine Kleinheit.

Diese Stille prägt den ganzen Roman, der sich absetzt vom "Redeautomatismus" des gesellschaftlichen Lebens und von "Sätzen, deren Ende sich mit absoluter Sicherheit vorhersagen" lässt. Hinter den Beobachtungen des Tierarztes steht das Wissen um die Unfähigkeit, "das Leben der andern zu ergründen, und die Unfähigkeit der anderen, unser Leben zu ergründen". Und dieses Leben ist für ihn "voller störrischer Individualität".

Josep Pla ironisiert die "großspurige, hohe Literatur" und erhebt auch selbst keinen hohen literarischen Anspruch, sondern redet der Unterhaltung das Wort. Aber diese Unterhaltung ist nie banal und führt in eine vergangene Zeit und eine abgelegene Provinz von Katalonien, zu der wir ohne diesen Roman keinen Zutritt hätten. Er liest sich leicht und schnell – oder sehr langsam, weil man nach jedem der 41 kurzen Kapitel unterbrechen kann. Gut, dass der diesjährige Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse seine Lektüre auf Deutsch ermöglicht.

Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

Buch-Tipp
Josep Pla, "Enge Straße", aus dem Katalanischen übersetzt von Kirsten Brandt, Ammann Verlag