Eine Loos-Fälschung

Eine der ersten großen Arbeiten von Adolf Loos war das Café Museum in Wien. Nach zahlreichen Umbauten besann man sich 2003 wieder auf das Original und baute das gemütliche, mittlerweile in Plüsch gehaltene Café zurück zum Loos-Original.

Wir sind in Wien. Karlsplatz. Zu Loos' Zeiten sind da noch die Pferdedroschken gefahren. Jetzt: Totale Verkehrshölle! Aber an der Ecke Operngasse ist ein Kaffeehaus, in das man flüchten kann. Also nix wie rein.

Zumindest akustisch ist es hier herinnen erträglicher. Optisch - naja - eine ziemlich gelackte Angelegenheit. Viel poliertes Messing, Thonetsessel, jede Menge Kristallspiegel, grün gestreifte Tapeten. An den runden Kaffeehaustischen sitzen hauptsächlich Touristen und Eltern, die ihre Kinder mit Kuchen füttern. Die Kellnerinnen tragen weiße Spitzenschürzchen - so runde, kleine.

Nicht daheim und doch zu Hause

Stammcafés, das sind die, in denen man zu Hause ist. Lokale, die der eigenen Person sozusagen eine architektonische Persönlichkeit entgegensetzen - und das ist jetzt nicht arrogant gemeint. Weil arrogant waren eh die Kellner - und das sind die ohne Spitzenschürzchen.

Das Café Museum war jedenfalls ein solcher Kerl von Lokalität. Ziemlich abgewohnt von seinen Stammgästen, man könnte sagen fast schon grindig, aber irgendwie "echt". Echt, weil es über die Jahrzehnte vom Stammpublikum zurechtgesessen und eingewohnt war. Ausmalen??? Bitte nicht!

Hinten rechts die Schachspieler. Hinten links die Billardspieler. In dunkelrot gepolsterten Kaffeehaus-Buchten die anderen Gäste. Staubige Pflanzenkrüppel an den Fensterbänken. Herrlich! Und alle Zeitungen dieser Welt. Tage hat man hier verbringen können!

Sorgfältig nüchtern

Seit 2003 ist das anders. Das Café Museum wurde damals auf seinen Urzustand zurückgeführt. Der war von Adolf Loos. Das Café Museum war 1899 seine erste größere Arbeit, damals war er ja noch ein junger Architekt. Das Café war - für seine Zeit - nackig und kahl und nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Das ungewohnt Karge hat ihm den Beinamen "Café Nihilismus" von seinen Zeitgenossen eingetragen. Weil die waren mehr Plüsch und Schnickschnack gewohnt.

Und gerade schnickschnackig wirkt es heute im neuen Glanz wieder. Ob diese Restaurierung geglückt ist oder nicht - wer kann's schon sagen? Weil, worin besteht das Glück?

Die zuständigen Architekten haben sich sicher bemüht. Als Vorlagen für den Umbau haben sie alte Fotos genommen. Dann hat man die unzähligen Farb- und Plakatschichten von den Mauern gekratzt und ganz unten drunter die grüne Tapete wiedergefunden. Die ehemaligen Gaslampen wurden in Elektro nachgebaut. Die Thonet-Sessel sind, wie damals, rot gebeizt. Die Spiegel hängen dort, wo sie der Loos auch hingehängt hat - also alles ist sicher sorgfältig und möglichst ehrlich gemacht worden.

Kaputt ist kaputt
Trotzdem: Das Café Museum ist hin, da nützt alles nichts. Weil Architektur ist eben nicht nur Form und Material. Und den Geist, den Loos dem Café zu seiner Entstehungszeit eingehaucht hat, den kann man nicht wiederauferstehen lassen. Allein diese makellosen glänzenden neuen Furniereinbauten - schrecklich! Das wirkt so billig, dass es schmerzt.

Das gesamte Café Museum wirkt jetzt wie eine Anbiederung an eine Zeit, die sich touristisch super vermarkten lässt: Wien um die Jahrhundertwende. Aber das ist über 100 Jahre her, und die Messingleisten hier sind nagelneu. Irgendwie passt das sowas von nicht zusammen, dass einem über der Melange fast schlecht wird vor Unbehagen. Hier sitzt man in etwas, das nur so tut, als ob es etwas Echtes wäre - und das ist das Furchtbarste, was man über Architektur überhaupt sagen kann.

Natürlich war das Café Museum schon bevor es rückgebaut wurde keine Loos-Architektur mehr. Es ist immer wieder umgebaut worden, schon 1930 zum ersten Mal. Wir haben hier also keine Loos-Schändung vor uns. Aber - trotz allem - eine Loos-Fälschung. Und er selbst wäre mit Sicherheit der erste gewesen, der dagegen protestiert hätte.

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Das Khunersche Landhaus

Hör-Tipp
Diagonal, Samstag, 16. Februar 2008, 17:05 Uhr

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Neumarkt Dresden - Auszug aus Adolf Loos' "Ornament und Verbrechen"