Eine überraschende Erklärung, oder doch nicht?
Die Tage danach
Am Sonntag, den 17. Februar 2008, genau um 15:39 Uhr, hat Hashim Thaci die bis dato formale serbische Provinz Kosovo, beziehungsweise Kosovo und Metohija, wie die Serben sie nannten, als unabhängigen Staat Kosova proklamiert.
8. April 2017, 21:58
Am Sonntag, den 17. Februar 2008, wurde feierlich in Kosova die Deklaration der Unabhängigkeit ausgerufen.
Am Tag danach, am Montag, waren die Weltmedien voll von Analysen, Diskussionen und Kommentaren. Es scheint, als hätten die Geschehnisse völlig unerwartet die Weltöffentlichkeit, die Medien und sogar die Politik ertappt. Man ist überrascht von den serbischen Reaktionen, man analysiert die Möglichkeiten und Hürden des neuen Staates am Leben zu bleiben, stellt die Ausweitung dieser Entscheidung in der Region und weiter dar, man ist sich sogar nicht sicher, wer und wann Kosova als unabhängig erkannt sein wird. Die alten und die neuen Experten kommen wieder zum Wort und wiederholen sich, wer weiß zum wievielten Mal, mit ihren kühnen Aussagen und Prognosen.
Die internationalen Organisationen wie zum Beispiel die UNO oder die Gremien der EU, tagen auf ihren speziellen Sitzungen über die "neu entstandene" Situation in der Region.
Unerwartet und neu?
Nun stellt sich jetzt die Frage, ob das alles wirklich unerwartet und neu ist. Nach allen tragischen Ereignissen in den letzten Dezennien in Süd-Osteuropa könnte man erwarten, dass man mindestens von der Entstehung eines Staates nicht überrascht und sich nicht als erwischt fühlen darf. Wenn man bei den früheren Generationen der Journalisten und Experten noch nicht erwarten durfte, dass sie den Zerfall Jugoslawiens im Voraus sehen konnten. So etwas kann man von heutigen Zeugen, Journalisten, Experten und Politikern nach den vielen Kriegen, die ausgelöst wurden, nicht in Kauf nehmen.
Man würde von den Regierungen der Staaten der EU hoffen, dass sie eine gemeinsame und konstruktive Politik in Hinsicht der Entwicklungen, die nicht unerwartet gekommen sind, anbieten können. Nachdem die vielen Versuche, eine für die Serben wie für die Kosovaren erträgliche Lösung zu finden, vergeblich waren, war schon seit langem klar, in die welche Richtung die Geschehnisse laufen würden. Als die letzte (man bleibt zu hoffen, dass es wirklich die letzte ist) Phase der Kosova-Frage kann man die fast zehn Jahre lange Periode nach den NATO-Angriffen an Serbien nennen. In diesen zehn Jahren konnte und sollte man eine koordinierte Aktion vorbereiten, oder doch nicht...?
NATO
Zufällig oder nicht, konferiert die NATO gerade an diesen Tagen in Skopje, der Hauptstadt des Kosova-Nachbarn Mazedonien, über den für Anfang April vorgesehenen Summit der drei Kandidaten Albanien, Kroatien und Mazedonien, die in die NATO aufgenommen werden sollten.
Für Mazedonien, das sich fast hundertprozentig sicher als NATO-Mitglied fühlt, ist aber, eine neue/alte Hürde als eine kalte Dusche gekommen. Es scheint, als würde Griechenland wegen des seit langem herrschenden Streits über den Namen von Mazedonien ein Veto gegen Mazedoniens Beitritt einlegen. In diesem Falle werden sich die Mazedonischen Politiker vor einem schwerwiegenden Problem finden. Man kann schon lesen, dass dieses Problem eines zwischen den strebenden euro-atlantischen Integrationsprozessen und dem versteinerten Hängen an "ikonographischen Werten" ist.
"Utrinski Vesnik" ("Morgenblatt") aus Skopje spitzt das Problem in einem Interview mit dem mazedonischen Botschafter der NATO, Nano Ruzin, zu. Das Blatt stellt die Frage, ob Mazedonien in seinen Verhandlungen zu naiv war. Im Artikel kann man lesen, dass die Mazedonier mit den neuen Entwicklungen über ihren Beitritt zur NATO "erwischt" worden sind.
Die Feinde Serbiens
Noch mehr als die mazedonische Erstarrung und die Überraschtheit der internationalen Öffentlichkeit kommt einem die Verwirrung der serbischen Menschen merkwürdig vor. Die Nachrichten berichten über Serbien-weite Demonstrationen und Verwüstungen.
von allen was, ihrer Überzeugung nach, den Verantwortlichen für den kosovarischen Weg zu ihrer Unabhängigkeit gehört.
Zuallererst sind die USA und selbstverständlich McDonalds als serbische Feinde erkannt worden. Die serbischen Politiker geben sich alle Mühe, ihrem Volk die Botschaften unterzujubeln, dass noch nicht alles in diesem Fall entschieden ist. Eine aus der Vergangenheit bekannte Wahrheit, "dass Serbien immer da ist, wo nur noch ein Serbe lebt" (Slobodan Milosevic und seine Anhänger), kann man wieder von heutigen angeblich demokratischen Politikern hören.
Fünfzigster Staat in Europa
Über präzise Minutenangaben der Entstehung des neuen, fünfzigsten Staates in Europa wird sicher im Nachhinein noch viel zu lesen sein. Man hat auch mit vielen wissenschaftlichen und innenpolitischen Arbeiten zu rechnen, aber der Verfasser dieses Berichts hat sich, der CNN-Direktübertragung der Sitzung des Parlaments in Pristina folgend, diese Uhrzeit als Moment der Ausrufung aufgeschrieben. Faktum bleibt, plusminus ein paar Minuten, dass die "Deklaration der Unabhängigkeit" von Kosova gerade an diesem Sonntag der Welt klar zur Kenntnis gebracht worden ist.
Bleibt zu hoffen, dass Kosova wirklich "von heute an stolz, unabhängig und frei" ist, wie kosovarische Politiker und Medien verbreiten.
Erfahrungen lehren, dass es trotz unserer, so würde man denken wollen, hoch entwickelten Instrumentarien für verschiedene komplexe politische Analysen und daraus folgende mögliche Vorbereitungen auf die schlimmsten Folgen unserer Taten, zu oft zu Verwirrungen und Überraschungen kommen kann. Eine gemeinsame Haltung von UNO und EU wäre deswegen, nicht nur für die bedrohten Völker, sondern für uns alle, von großem Nutzen.
Mehr dazu in oe1.ORF.at
Kosov "-o" oder "-a"?
Links
Parlament des Kosovo
Utrinski Vesnik
NATO
