Ein Tag im Leben von Beat
Aufräumen
Es ist ein durchaus ungewöhnlicher Roman, den Franz Dobler vorlegt. Durch die Beschränkung der Handlung auf einen einzigen Tag erhält das Buch seine Geschwindigkeit, bedingt auch durch Doblers assoziativen und sprunghaften Stil.
8. April 2017, 21:58
Beat denkt auf einem Spaziergang durch die Stadt über das Leben nach. Der 45-jährige hält sich mit drei Jobs über Wasser, unter anderem als Barkeeper und Ideenlieferant für Pornoproduzenten, er kennt sich aus mit Filmen, mit Büchern und Musik - und er ist ein scharfer Beobachter seiner Umwelt. Während er durch die Straßen geht, registriert er unterschwellige Aggressionen, er grübelt über die Amokläufe der letzten Zeit nach, über die Menschen dahinter – und auch über die eigene Gewaltbereitschaft.
Amokläufer waren Typen, die keine Freunde hatten, oder zumindest die subjektive Empfindung, keine Freunde zu haben. Subjektive Einsamkeit: Kann man sich einbilden, dass man einsam ist? So wie Einbildung eben auch 'ne Bildung ist? Weiß ein Amokläufer, was er tut? Vielleicht wissen es nicht alle? Ist diese Situation möglicherweise vergleichbar mit der, die er selbst kennt? Wenn er plötzlich nicht mehr genau weiß, ob er gerade etwas ausgesprochen oder es nur gedacht hat. Ist es möglich, dass einer schießt, und glaubt, er würde sich das nur im Kopf vorstellen? Beat muss das im Buch Amok nachschlagen. Und mal wieder das Album mit den Zeitungsausschnitten studieren. Schönes Thema für einen schönen Tag.
Wer eine Waffe hat, will sie auch benützen
Gewalt ist eines der Themen in Franz Doblers Roman mit dem schlichten Titel "Aufräumen". Es geht um Gewalt im wörtlichen wie im übertragenen Sinn und Beat wird mit einer recht direkten Form von Gewalt konfrontiert, denn die Pornofilmproduzenten haben Schwierigkeiten mit der Polizei und machen Beat dafür verantwortlich. Dieser besorgt sich eine Pistole, nur für den Ernstfall, und damit erhält das harmlose "Aufräumen" eine durchaus bedrohliche Komponente.
"Der Titel spielt natürlich auf einer bestimmten Ebene mit Film, also die Assoziation Charles Bronson oder Clint Eastwood, ein Mann räumt auf, das schwingt natürlich auch ein bisschen mit", so der Autor im Gespräch. "Ich finde, das ist auch eine Frage, die bei so Sachen eben mitschwingt und die auch angedeutet wird: Was passiert, wenn jemand eine Waffe trägt? Da ist ein Freund von ihm, der ihm erklärt, es ist nicht nur die Waffe, sondern es ist dein Denken, in dem Moment, wo du sie dabei hast, verändert sich dein Denken."
Liebe auf den ersten Blick
Auch an einer anderen Front ist dieser Tag für Beat etwas Besonderes. Er begegnet Monika, die in einer Bar auflegt und Hunderte Singles besitzt, und er verliebt sich Hals über Kopf in sie. Irgendwie ist Doblers Roman also auch eine Liebesgeschichte, freilich eine, in der vieles nur angedeutet bleibt, denn Dobler ist kein erklärender Autor, er verzichtet darauf, das Vorleben seiner Protagonisten zu beschreiben und lässt mitunter sogar offen, was wirklich geschieht und was sich seine Figur bloß einbildet.
"Ich bin nicht der Erzähler, der dann sagt, ah, er ist jetzt aber auf dem falschen Dampfer und das dann sozusagen ausmale, was das bedeutet, sondern es steht einfach da", sagt Dobler dazu.
Spontaneität zum Prinzip erhoben
Es ist ein durchaus ungewöhnlicher Roman, den Dobler vorlegt. Durch die Beschränkung der Handlung auf einen einzigen Tag erhält das Buch seine Geschwindigkeit, bedingt auch durch Doblers assoziativen und sprunghaften Stil, der Gedanken und Gedankenfetzen in Worte kleidet und die Spontaneität zum Prinzip erhebt.
"Ich hatte natürlich bestimmte Punkte, wo ich genau wusste, wie die eingeordnet sind, wo ich hinmuss, aber es war sehr viel Platz dazwischen fürs Improvisieren", erzählt Dobler.
Doblers Liebe zur Musik schwingt in seinen Worten ständig mit – wenn etwa ein Fahrgast in der Straßenbahn ausrastet und Beat in den Flüchen des Mannes umgehend den Refrain für einen Song heraushört. Und auch Beats eigener Name bietet Dobler Raum für das Spiel mit dem musikalischen Element: Der Schweizer Name Beat lässt Assoziationen aus der Musikwelt zu.
Humoristische Facetten
Kein Wunder, dass Dobler beileibe nicht immer todernst bleibt. Das ständig vorhandene unterschwellige Gewaltthema wird auch in seinen humoristischen Facetten ausgeleuchtet, wobei gerade diese Passagen für den Autor eine besondere Herausforderung darstellten.
"Es ist nicht permanent durchgehalten", gesteht Dobler ein, "es geht um Gewalt, alles ist ganz furchtbar ernst oder so, sondern es ist ganz oft, es kippt um in Komik oder in Sachen, wo man denkt, ah, das ist jetzt vielleicht sogar Slapstick. Das waren dann eben einige Stellen, wo es schwieriger war, so eine bestimmte Präzision herzustellen."
Politischer Hintergrund
Ein Buch also, das sich mit aktuellen Themen auf originelle Art befasst, das auf fast filmische Art einzelne Szenen aneinanderreiht, ein schnelles, mit leichter Hand geschriebenes Buch, das nicht zuletzt auch einen politischen Anspruch erhebt - als ein Roman, der verschiedene Lebenswelten der modernen Gesellschaft beleuchtet und in der Reflexion der Hauptfigur Doblers eigene Standpunkte verdeutlicht:
"In diesem ganzen Bereich, wo meine Hauptperson auch durch verschiedene Lebenswelten geht, geht es im Hintergrund dann schon um diese Diskussion, wie sind Leute in die deutsche Gesellschaft eingebettet, wie werden sie wahrgenommen und von welchen Diskussionen sind die umgeben. Da bin ich am wenigsten beleidigt, wenn jemand behaupten würde, das Buch hat auch einen sehr deutlichen politischen Hintergrund."
Hör-Tipp
Ex libris, Sonntag, 16. März 2008, 18:15 Uhr
Mehr dazu in oe1.ORF.at
Buch-Tipp
Franz Dobler, "Aufräumen”, Kunstmann Verlag
