Die wundersame Reise eines Liedes

Die wundersame Reise des Liedes "Bella ciao" von den padanischen Reisfeldern am Anfang des letzten Jahrhunderts zu den ideologischen Schlachtfeldern, bis die berühmte Partisanenhymne schließlich in ein Liebeslied umgedeutet wird.

"Bella ciao"

Der Keim des bekannten Liedes "Bella ciao" ist in den Reisfeldern der padanischen Ebene zu finden, Anfang des letzten Jahrhunderts. Giuseppe De Santis neorealistischer Film "Bitterer Reis" schildert sehr anschaulich und vielleicht ein wenig zu ansehnlich die unwürdigen Arbeitsbedingungen der Reisarbeiterinnen, der "mondine".

Zwischen Mai und Juli mussten sie von der Morgen- bis zur Abenddämmerung bis zu den Knien im Wasser der Reisfeldern stehen und Unkraut jäten. In gebückter Haltung unter der sengenden Sonne von Stechmücken geplagt. Da blieb keine Zeit für Kinder, Haus und Mann - überhaupt für ein menschenwürdiges Leben.

Lieder als Kommunikationsmittel

Gesprochen werden durfte nicht bei der Arbeit, aber gesungen, so heißt es in "Riso amaro". Zu Beginn des Jahrhunderts waren die Lieder der Reispflückerinnen für sie nicht nur Ventil und Hilfe durchzuhalten, sondern auch Kommunikationsmittel - und so auch Kern des Widerstandes, der sich schließlich gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen formierte.

Die Jahre 1904 bis 1906 waren von erbitterten Kämpfen und Streiks geprägt. Ziel waren menschliche Arbeitsbedingungen wie etwa der Achtstundentag. Ein Kampf der Frauen um Würde und Respekt. Von dieser frühen Version des Liedes kursieren verschiedene Textevarianten, diese stammt von 1906:

Alla mattina appena alzata, o bella ciao, bella ciao
Bella ciao ciao ciao, alla mattina appena alzata,
devo andare a lavorar..!
(Am Morgen, kaum aufgestanden, muss ich arbeiten gehen.)

A lavorare laggiù in risaia, o bella ciao, bella ciao
Bella ciao ciao ciao! A lavorare laggiù in risaia
Sotto il sol che picchia giù!
(Dort unten im Reisfeld zwischen den Insekten
den Mücken und Bremsen unter der
stechenden Sonne muss ich schwere Arbeit
verrichten.)

E tra gli insetti e le zanzare, o bella ciao, bella ciao
Bella ciao ciao ciao, e tra gli insetti e le zanzare,
duro lavoro mi tocca far!

Il capo in piedi col suo bastone, o bella ciao, bella ciao
Bella ciao ciao ciao, il capo in piedi col suo bastone
E noi curve a lavorar!
(Der Aufseher aufrecht mit dem Stock
und wir gekrümmt bei der Arbeit.)

Lavoro infame, per pochi soldi, o bella ciao bella ciao
Bella ciao ciao ciao, lavoro infame per pochi soldi
E la tua vita a consumar!
(Eine unwürdige Arbeit für einen Hungerlohn
und das Leben wird davon aufgezehrt.)

Ma verrà il giorno che tutte quante o bella ciao, bella ciao
Bella ciao ciao ciao, ma verrà il giorno que tutte quante
lavoremo in libertà.
(Aber es kommt der Tag, wo wir alle in
Freiheit arbeiten werden.)

Widerstandsbewegung übernahm das Freiheitslied

Nicht zuletzt war es auch der erfolgreiche Kampf der Reispflückerinnen, der andere Arbeitnehmer ermutigt hat, es ihnen gleich zu tun. Die Resistenza, also die italienische Widerstandsbewegung gegen Faschismus und Nazionalsozialisten, übernahm schließlich das Freiheitslied, änderte aber den Text:

Eines Morgens, in aller Frühe,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
eines Morgens, in aller Frühe
trafen wir auf unser'n Feind.

Partisanen, kommt, nehmt mich mit euch,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
Partisanen, kommt, nehmt mich mit euch,
denn ich fühl', der Tod ist nah.

Wenn ich sterbe, oh ihr Genossen,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
wenn ich sterbe, oh ihr Genossen,
bringt mich dann zur letzten Ruh'!

In den Schatten der kleinen Blume,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
einer kleinen, ganz zarten Blume,
in die Berge bringt mich dann!

Und die Leute, die geh'n vorüber,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
und die Leute, die geh'n vorüber,
seh'n die kleine Blume steh'n.

Diese Blume, so sagen alle,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
ist die Blume des Partisanen,
der für uns're Freiheit starb.

Liebeslied für die Freiheit

Der Sänger, Mundharmonikerspieler und Gitarrist Fabrizio Poggi deutet auf seinem Album "La storia si canta" "Bella ciao" schließlich als Liebeslied, ein Liebeslied für die Freiheit. Denn der Refrain, so Poggi, beziehe sich auf den Moment, in dem zwei Liebende voneinander Abschied nehmen: "Bella ciao"!

Hör-Tipp
Bella ciao, Donnerstag, 1. Mai 2008, 10:05 Uhr