Zu jeder Zeit an jedem Ort möglich

Das Ministerium für besondere Fälle

Sein Debüt, ein Erzählband, war von der Kritik hoch gelobt worden. In den zehn Jahren seither hat Nathan Englander seinen nun vorliegenden Roman verfasst. Vor dem Hintergrund historischer Ereignisse handelt er darin einen Vater-Sohn-Konflikt ab.

Es sei schon bemerkenswert, dass man ihn im deutschsprachigen Raum immer wieder frage, wie sein Name denn richtig auszusprechen sei, meint der Schriftsteller Nathan Englander. Der Name sei deutschen Ursprungs, habe aber im Zuge der Amerikanisierung das Umlaut A eingebüßt. Ihn also "Engländer" auszusprechen sei vollkommen in Ordnung.

Die Frage, ob man Nathan Englander oder Nathan Engländer sagen soll ist mehr als eine Nebensächlichkeit. Führt sie doch direkt ins Zentrum dieses Romans. Kaddisch Poznan ist Jude und Sohn einer Hure. Seinen Lebensunterhalt verdient er damit, dass er gegen gute Bezahlung nachts Namen aus Grabsteinen meißelt - jene Namen, die den respektablen Nachkommen peinlich sind, weil sie darauf hindeuten, was die Vorfahren waren: Zuhälter, Ganoven und Huren. Die hießen unter anderem Hezzi Doppelklinge, Kokosnuss Burstein oder Talmud-Harry.

"Es ist doch seltsam", sagt der Autor "dass diese Namen keine Angst verbreiten." Wenn jemand sagt "Schlomo wird dir das Herz ausreißen und es essen, während du stirbst", dann kann das keiner Ernst nehmen. Es ist also auch eine gesellschaftliches Konstrukt, wer Angst hervorruft und wer nicht, meint Nathan Englander.

Mehrere eigenständige Geschichten

Über mehr als 150 Seiten hinweg ist "Das Ministerium für besondere Fälle" eine Familiengeschichte, die wohl zu jeder Zeit an jedem Ort spielen könnte. Da gibt es Kaddisch Poznan, der sich mit allerlei Geschäften über Wasser hält, seinen Sohn Pato, der seinen Vater verachtet, von der Weltrevolution träumt und mit seinen Freuden gerne Joints raucht. Und dann noch Kaddischs Frau Lillian, die mit ihrem Job bei einer Versicherungsagentur für den Unterhalt der Familie sorgt.

"Es war mir wichtig", so Englander, "dass die verschiedenen Teile des Buches als eigenständige Geschichten funktionieren. Kaddisch, der Namen von Grabsteinen schlägt, ist eine Story für sich. Der argentinische Staatsstreich ist eine weitere Geschichte. Diese verschiedenen Schichten benötigen einander aber und formen so das Buch."

Vorlage Argentinien in den 1970ern

Am 24. März 1976 kam es in Argentinien zu einem Militärputsch. Anfänglich genoss das Regime relativ großen Zuspruch bei der Bevölkerung. Das änderte sich, als im Zuge der sogenannten "Subversionsbekämpfung" geheime Haftanstalten errichtet wurden und Verdächtige spurlos verschwanden. Auch viele Jugendliche.

So passiert es auch Pato, dem rebellischen Sohn. Eines Tages wird er von geheimen Polizeikräften abgeholt. "Viele meiner Leser können nicht glauben, dass so etwas wie die 'Todesflüge' wirklich passiert sind", sagt Englander, "dass lebende Menschen aus Flugzeugen ins Meer geworfen wurden und für immer verschwanden. Das, was ich erfunden habe, nehmen viele als Wahrheit an, die Wahrheit hingegen erscheint ihnen wie Dichtung."

Metapher für Israel

Nathan Englander benutzt das historische Setting, um Fragen abzuhandeln, die nichts mit Argentinien zu tun haben. Ein Hauptstrang dieses Textes ist die Suche des Vaters nach dem verschwundenen Sohn. "Das wurde mir aber erst sehr spät klar", sagt der Autor, "dass mein Buch ein Buch über den Vater-Sohn-Konflikt ist. Ebenso wie mir erst ganz am Schluss bewusst wurde, dass Argentinien in meinem Text eine Metapher für Israel ist. Ich habe in Jerusalem gelebt, als alle hofften, es würde Frieden geben. Und bekommen haben wir das Gegenteil. Diese Erfahrung habe ich in diesem Buch verarbeitet."

Geheime Gefängnisse, Menschen, die ohne Prozess verschwinden; Folter, Mord, staatlicher Totschlag. Im Argentinien der späten 1970er Jahre waren solche Willkürakte des Machtapparates an der Tagesordnung. Und auch heute, 30 Jahre später, werden diese Verletzungen der Menschenrechte im Zuge des Kampfes gegen den Terrorismus wieder diskutiert. Er habe nicht geplant, einen Kommentar zur aktuellen politischen Situation in den USA zu schreiben, meint Nathan Englander, aber die amerikanische Regierung habe sein Buch zu einem politischen Buch gemacht.

Stadt der Denkmäler

In den 1990er Jahren kam es in Buenos Aires zu zwei folgenschweren Anschlägen auf jüdische Einrichtungen. 1992 wurde die israelische Botschaft in die Luft gesprengt, dabei kamen 29 Menschen ums Leben, 252 wurden verletzt. Am 18. Juli 1994 explodierte im Gebäude des jüdischen Gemeindezentrums ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen. 85 Menschen wurden getötet, mehr als 300 verletzt. Aufgeklärt wurden diese Anschläge genauso wenig wie die meisten Verbrechen während des "Schmutzigen Krieges".

"In Argentinien erinnert man sich nicht gerne an die Vergangenheit", sagt Nathan Englander. So würden erst jetzt, nach 25 Jahren, die Folterer des Regimes zur Rechenschaft gezogen. Buenos Aires sei die Stadt der Denkmäler, aber es gäbe keines, das auf die Opfer dieses Krieges verweist, so der Autor.

Schreiben ohne Kompromisse

Zehn Jahre hat Nathan Englander an seinem Werk gearbeitet. Auch wenn sein erstes Buch, ein Erzählband, von der Kritik hoch gelobt wurde, ist es doch ein mutiges Unterfangen, sich zehn Jahre voll und ganz einem Projekt zu widmen, von dem man nicht weiß, wie es ausgehen wird.

Normalerweise sei er nicht sehr mutig, sagt Nathan Englander, aber was das Schreiben betrifft, da kenne er keine Kompromisse. Aber als er das Buch seinem Verleger gab, der bis dahin noch nichts daraus gelesen hatte, war ihm schon etwas mulmig zumute.

"Das Buch der Woche" ist eine Aktion von Ö1 und Die Presse.

Hör-Tipps
Kulturjournal, Freitag, 9. Mai 2008, 16:30 Uhr

Ex libris, Sonntag, 11. Mai 2008, 18:15 Uhr

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Buch-Tipp
Nathan Englander, "Das Ministerium für besondere Fälle", aus dem Englischen übersetzt von Michael Mundhenk, Luchterhand Verlag

Link
Luchterhand - Nathan Englander