Edition Zwei

Viele Institutionen und Projekte bringen Kultur vom Westen in den Osten - umgekehrt ist es selten. Für einen Richtungswechsel setzt sich die Edition Zwei als zweisprachige Buchreihe für Autoren aus dem Osten im deutschsprachigen Raum ein.

Wieser konstatiert eine gewisse Faulheit der Österreicher im Interesse an osteuropäischer Kultur: "Nach 2004, als Europa diesen großen Schritt der Erweiterung gemacht hat, ist irgendwie so das Gefühl eingetreten: jetzt wissen wir eh schon alles über Europa, jetzt brauchen wir uns darum nicht mehr kümmern. Und da ist eine besondere Anstrengung nötig, dagegen anzutreten.“

Die Serbin Marija Knezevic, Englischlehrerin, Verkäuferin und Autorin von 13 Büchern, erinnert sich an ihren ersten Kontakt mit der Edition Zwei, als hätte sie ein Buch darüber geschrieben: "Es war im Sommer 2004, in den Abendstunden. Ich ging gerade mit den Hunden auf der Straße spazieren, als der Übersetzer meines Buches anrief. Die Hunde bellten aus irgendeinem Grund furchtbar laut und ich bat ihn, lauter zu sprechen, zu schreien. So erfuhr ich, dass mein Buch 'Das Buch vom Fehlen' ausgewählt wurde, mein Land in der Edition Zwei zu vertreten."

Journalisten für die Gegenwart

Journalisten sind für den Literaten Florin Lazarescu ein sehr eigener Menschenschlag: "Sie leben nur für die Gegenwart. Sie haben keine Vergangenheit und keine Zukunft, sie leben nur für die perfekte Geschichte an diesem Tag und vergessen darüber sich selbst. Die rumänischen Journalisten sind wohl nicht so professionell wie der Durchschnitt, den Berufscharakter aber teilen sie mit allen anderen“, meint er.

Zweisprachige Edition

"Unser Sonderberichterstatter“, oder auch "Trimisul nostru special“ heißt das Buch, in dem der Rumäne diese Gattung von Menschen beschreibt, verpackt in eine Geschichte irgendwo in seinem Heimatland.

Dank der bilingualen Edition Zwei des Klagenfurter Wieser Verlags können sich auch deutschsprachige Journalisten und Journalistinnen von ihm angesprochen fühlen - wie auch von den anderen zwölf osteuropäischen Autoren und Autorinnen, die bisher in jener Reihe publiziert haben.

Kulturpolitisches Projekt

Im Vordergrund der Edition Zwei, die unbekannten Autoren und Autorinnen aus dem Osten Europas eine Tür zum westlichen Buchmarkt öffnen soll, stand für die Initiatoren ein kulturpolitischer Auftrag und ein nachhaltiges Projekt:

"Wenn wir sagen, Europa ist Vielfalt und Einheit, dann müssen wir uns auch besinnen, dass in Europa über 200 Sprachen gesprochen werden. Es hat eine große Signalwirkung, dass wir nicht nur die großen Sprachen sichtbar machen, sondern auch die kleinen“, so Loijze Wieser, dessen Publikationshaus, unterstützt von Kulturkontakt Austria und der Bank Austria, seine Edition seit 2001 stetig erweitert.

Nachhaltigkeit sprechen auch die Autoren dem Projekt nicht ab. Lazarescus Buch ist mittlerweile auch ins Slowenische und Französische übersetzt. Im Vergleich zu Österreich erhalte er aber sehr viel mehr positive Resonanzen aus Frankreich, meint er.

Tor zu Bekanntheit im Westen

Je mehr übersetzt wird, umso näher kommen wir uns, ist Lazarescu überzeugt und bezeichnet die Edition Zwei als wichtigen Schritt in ihrer literarischen Laufbahn, nicht zuletzt weil "die Auswahl der Autoren dort einen sehr guten Ruf hat.“ Im nächsten Jahr werden von ihr zwei weitere Bücher im Wieser Verlag erscheinen.

Für die Autoren sei die Edition das Tor zum Westen, meint Wieser. "In Westeuropa und im deutschsprachigen Raum hat man das erste Mal von ihnen etwas gehört, sie wurden rezensiert und halten Lesungen.“ Auch in den heimischen Ländern steige ihr Marktwert dadurch immens. Die Angst, von einem internationalen Publikum nicht verstanden zu werden, ist bei Florin Lazarescu einem Vertrauen in das Schreiben gewichen.

Interkulturelles Verstehen kann man beim Schreiben nicht herbeizwingen, aber das ist auch nicht nötig, wenn man über die grundlegenden Themen des Menschseins schreibt, erfuhr der Drehbuchautor zuletzt auf dem Sundance Filmfestival den USA, wo er als erster Rumäne einen Preis für seinen Film "The Tube with a Hat“ gewann :

"Als ich die Story schrieb war ich überzeugt, kein Ausländer könnte das jemals verstehen. Aber als der Film in den USA gezeigt wurde, lachten die Menschen an den gleichen Stellen wie die Rumänen und liebten den Film. Da wusste ich, dass sie das Thema der Geschichte genauso gut verstanden hatten: die Wichtigkeit der kleinen Details in unserem Leben.“

Demokratie im Erzählen von Geschichte

"Die Republik der Kunst ist, glaube ich, eine wahre Demokratie“, resümiert Knezevic über die Literatur, die für ihn ein Brückenbau zwischen den Menschen ist, auch im Erzählen von europäischer Geschichte: "Die Thematiken sind oft die selben“, meint Wieser in Hinblick auf Autoren im Westen und Osten Europas, "aber die Fragen und Antworten sind andere.“

Veranstaltungs-Tipp
Verleihung "Großer Preis für Osteuropäische Literatur", Donnerstag, 20. November 2008, Metro-Kino

Links
Kulturkontakt Austria
Wieser Verlag

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