Kabarettist und Musiker Johann Sklenka

Der schräge Typ da

Er war ein markanter, ungemein komischer Grantscherm, dem zuliebe der Liebe Gott offenbar sämtliche österreichischen Polizisten und sonstigen Beamten geschaffen hatte. Johann Sklenka stand seit den 1930er Jahren auf Dutzenden von Kabarettbühnen.

Johann Sklenka war meist der, der auch mitgespielt hatte, immer diese seltsamen, leise skurrilen Typen, und dessen Namen man sich eigentlich merken wollte. Dieser Schlacksige mit dem immer etwas säuerlichen Gesichtsausdruck, die Stimme wie die Schuhe stets auf feinstes Kammerknarzen gestimmt, dazu zwei funkelnde Lausbubenaugen, überfranst von einer eisgrauen Ich-bin-gerade-aufgestanden-Frisur.

Johann Sklenka war, jedenfalls auf der Kabarettbühne, in kaum zu zählenden Fernsehserien und -familien, und natürlich in kabarettistischen Revuen aller Art, fast immer unter der Ägide Gerhard Bronners, der personifizierte Alltag, der Kleine Mann schlechthin. Er spielte sie alle mit Leib und Seele, die kleinen, im Amt dörrverzwetschkten Beamten, die - allenfalls! - Oberbuchhalter, die Kammerdiener, die Krämerseelen, die Bastelonkel, die Zuweschlieferln, die Bücklinge, er zeichnete sie mit einer unglaublich reichen Palette an tragikomischen Farben.

"Oissaoissaoissa!"

Wenn aber sein eben noch Indigniertheit andeutender Spitzmund sich langsam, ganz langsam zu einem Lächeln verzog, dann konnte es auf der Stelle sowohl gemütlich als auch gefährlich werden. Denn er war der österreichische Amtskappelträger par excellence: Er konnte das Wort "Gendarmerieexekutivorgan" auf so hinreißende Weise nicht aussprechen, dass er nicht nur die uniformierte Figur, sondern geradezu die platonische Idee eines solchen verkörperte.

Infolgedessen war er sehr oft ein Schauntmrrriixtfsrgaan, sehr oft auch ein eindrucksvoller Herr Boulizeiobrrinschpkttr, welcher alle Stufen der Abmahnung schwindelfrei beherrschte: Vom etwas spitzlippig befremdeten, aber noch vergleichsweise freundlich mahnenden "Oissaoissaoissa!" über das sachlich-schriftdeutsche, aber bedrohlich genuschelte "Zerstreuen Sie sich Ihnen! Lösen Sie sich Ihnen auf!" bis zum seltenen, manchmal aber leider amtshandlungsbezüglich in gehobener Lautstärke erforderlichen "PassnSamoiaufff!!!!" - wobei schon nach dem ersten "Oissa!" im Publikum kein Auge trocken blieb.

Eines Abends - eines Premierenabends - brachte er das Kunststück zuwege, als Polizist vor den Vorhang zu treten und das Publikum schweigend zu mustern. Minutenlang. Ohne ein Wort. So lange, bis der Saal vom leisen, zunehmend haltlosen Kichern in brüllendes Lachen übergegangen war. Erst dann sagte der Herr Boulizobrrinschpkttr halblaut, gütig mahnend: "Oissaoissaoissa..." - und die eigentliche Nummer konnte erst mit weiteren Minuten Verspätung beginnen.

Begnadeter Zweiter

Johann Sklenka war ein begnadeter Zweiter, aber eben ein solcher. Er war kein Hauptrollenspieler, und er wollte auch gar keiner sein. Er war auch keinem seiner Kollegen die Prominenz neidig, sondern fütterte sie stattdessen mit Nüssen und Dörrobst aus dem Garderobenladl, das immer größere Mengen davon enthielt, wegen der Gesundheit.

Mit dem Garderobennachbarn Helmut Qualtinger hatte er sich 1960 jenen Dialog zweier abgetakelter Mimen zunächst erblödelt und dann höchst diszipliniert erarbeitet (da spielte er für Qualtinger die ansonsten von Carl Merz eingenommene Rolle), der nachmals so legendär wurde, dass er heute noch falsch zitiert wird: "Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben". Man lausche - es gibt ja eine Menge Plattenaufnahmen davon - und höre, dass und wie da der Co-Autor und Zweite Mime, Sklenka, dem Ersten mit subtiler Pointierungkunst die Rutsch'n legt - und zugleich eine flirrend komische Atmosphäre aufbaut, die das Ganze trägt.

Schauspielerei nur nebenbei

Johann Sklenka gehörte zu den ganz wenigen Unterhaltungskünstlern und Komödianten, die auch privat von ansteckender Komik und zugleich allergrößter Liebenswürdigkeit waren.

Sklenka war aus Salzburg, aus Saalfelden gebürtig, vom Jahrgang 1911, studierte aber dann, zu Beginn der 1930er Jahre, in Wien - Musik: Geige, Oboe, Kontrapunktik. Nur nebenbei auch Schauspiel, um in den schlechten Zeiten ein wenig dazuverdienen zu können. Er hat all diese Studien auch abgeschlossen und war damit als Musiker, Komponist, Schauspieler und Komiker (als der er sich alsbald verdingte) auch, wenigstens zeitweise, gegen Kriegsdienst gefeit.

Zuerst zumeist unsichtbar

Schon 1931 war er Mitbegründer des zwar kurzlebigen, aber historisch recht bedeutsamen Cabarets "ABC" im "Café City" in der Wiener Porzellangasse - und spielte dann auch noch (solang man es ließ) im nazi-kontrollierten "Wiener Werkel".

Anfang der 1950er Jahre spielte Sklenka höchst erfolgreich an etlichen der damals unter der Erde sprießenden Kleinbühnen, kurz auch am Volkstheater, und wurde 1957 von Gerhard Bronner für das Kabarettprogramm "Glas'l vor'm Aug" engagiert. Hinfort war Johann Sklenka fixer Bestandteil der diversen Bronner-Ensembles - nicht, ohne sich gleichzeitig in Radio und Fernsehen etabliert zu haben. Zumeist unsicht- und oft auch unhörbar: Er komponierte, dirigierte, führte Regie - und nur von Zeit zu Zeit machte sich in Hörspielen, im "Watschenmann" und dessen Nachfolgesendungen, und, selbstverständlich, im "Zeitventil", in der "Großen Glocke" und einer Menge anderer Revuen, Verfilmungen und Serien ("Der ganz gewöhnliche Herr Deierl", eine der ganz wenigen Sklenka-Titelrollen) auch der Schauspieler Sklenka aufs köstlichste bemerkbar.

Auf der Theaterbühne stand er nach der Schließung des Bronner'schen "Neuen Theaters am Kärntnertor" anno 1965 nicht mehr. Einmal hat er dort, 1962, in der Fritz-Eckhardt-Satire "Das Heiße Eisen", die Rolle des "Österreichischen Schicksals" gespielt und war zum Fürchten gut.

Der Letzte eines Faches

Der Komponist und Dirigent Johann Sklenka hat viele verschollene Biedermeierkomponisten wiederentdeckt und aufgeführt, und überglücklich war er, als die Wiener Kammeroper 1967, zu den Festwochen, seine Oper "Der schlaue Hans" herausbrachte. Seine Instrumentalkompositionen, auch auf Schallplatten erschienen, nannte er "Naive Musik". Und von seinen - längst vergriffenen - kleinen Büchlein mit Zeitsatiren und Kurzgeschichten heißt eines "Mein Installateur, der Bundeskanzler" und eines, mit nur 34 Seiten: "Anstand als Weltanschauung".

Als Johann Sklenka Anfang August 1983 starb, ein halbes Jahr nach seinem 72. Geburtstag, starb der Letzte eines Faches, das es vor ihm nicht gegeben hatte und seither erst recht nicht mehr gibt: das des lebenslang jugendlichen Naiven.

Hör-Tipp
Patina, Sonntag, 3. und 10. August 2008, 9:05 Uhr