Außen hui, innen pfui

Die Stadt und der Müll

Wenn einer eine Wohnung renoviert, hat er viel zu entsorgen. Wenn einer dann den Bauschutt loswerden will, hat er noch viel mehr zu staunen, denn: Mülldeponie ist nicht gleich Mülldeponie und Vorschrift ist Vorschrift.

"Hat einer z'viel Geld und weiß nicht warum, kauft er ein altes Haus, und baut's um", pflegte mein Großvater immer wieder zu sagen. Weil ich nicht so viel Geld habe, hat es nur für eine alte Wohnung gereicht, aber deren Sanierung hat dennoch reichlich Staub aufgewirbelt. Um ihn und den anderen damit verbundenen Abbruch los zu werden, packe ich alles in reißfeste Säcke, diese ins Auto und ab damit zu einem der Mistplätze der Stadt Wien.

Dort schüttelt der Platzmeister, so heißen die hemdsärmeligen Orangen, nur den Kopf. Zu viel. Gegen jede Vorschrift. Wenn das jeder mache. Damit müsse man auf die Deponie am Ende der Stadt. Der Ton ist rau, der Entsorger ein Bittsteller. Der Müllmann trägt ein Leiberl mit der Aufschrift "Wir fegen alle vom Platz". Eine private Entsorgungsgebühr für die "Kaffeekassa" entschärft schließlich die Situation. Der Wagen kann entleert werden. Ausnahmsweise. Augenzwinkern.

Also geht die nächste Fuhre vorschriftsmäßig auf die Mülldeponie. Wo vor einem Jahrzehnt noch nichts war, außer Gerümpel dies- und Gemüse jenseits einer schmalen Straße hat sich an den Kreuzungen neu entstandener Verkehrswege die übliche suburbane Gemengelage aus Gewerbebetrieben und Großeinkaufshäusern breit gemacht. Eigentlich könnte man den Schrott, den sie dort verkaufen, auch gleich auf die benachbarte Deponie bringen, denke ich, dann ersparte man sich die Zwischenlagerung daheim. Egal.

Der Anblick einer Enklave von Einfamilienhäusern reißt mich aus den müßigen Gedanken in der Schlange aus Schwertransportern, die sich alle zur Deponie mühen. Wie verzweifelt muss der Wunsch nach einem Haus im Grünen sein, wenn er sich nur hier, im süßlichen Verwesungsgeruch der Kompostieranlage erfüllen lässt? Wo das einzig Grüne das Fenster in der Lärmschutzwand ist, das den Blick auf den zarten Bewuchs des Müllbergs freigibt?

Immerhin, dessen sanftes Grün deckt den Abfall von Generationen gnädig zu, alles hat seine Ordnung, selbst die Wege werden laufend mit Wasser gesprengt, um dem Feinstaub den Garaus zu machen. Eigentlich hat der Ort etwas Idyllisches.

Zur Begrüßung fragt mich ein erstaunter Platzmeister, warum ich denn die Säcke nicht auf mehrere Fuhren verteilt hätte, um sie an diversen Mistplätzen kostenfrei loszuwerden. Ob ich denn nicht wisse, dass ich bei ihm bezahlen müsse? Doch. Verstohlene Blicke. Kopfschütteln.

Das gute Gewissen kostet 70 Euro. Der Hoffart des Überflusses, der Eitelkeit der Neugestaltung wird mit dieser Entsorgungsgebühr die Absolution erteilt. Ent-Sorgung. Moderner Ablasshandel in einer Welt des Konsums.

Die nächste Fahrt geht also wieder auf einen der Mistplätze mit Gratisentsorgung. Der Mensch ist ja lernfähig. Zuvor die erlaubten Abnahmemengen im Internet studiert. Wieder Schelte. Viel zu viel. Das müsse auf die Deponie. Kafka, schau oba.

Als Dank für die Spende an die Kaffeekassa darf ich nicht nur das Zeug abladen, sondern erhalte auch noch den guten Rat, nächstens mehrere Fuhren auf mehrere Tage zu verteilen. Das ginge dann in Ordnung. Der Einwand, dass der Müll deswegen auch nicht weniger, der Verkehr dafür aber mehr werde, kostet den Mann nur ein Achselzucken. Er habe schließlich auch seine Vorschriften.

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