Das Training der Abwehrzellen

Autoimmunerkrankungen

Das menschliche Immunsystem ist ein äußerst komplexes Netzwerk von unterschiedlichen Organen, Zelltypen und Molekülen. Manchmal versagt es bei seiner Aufgabe den Körper zu schützen und wendet sich gegen die körpereigenen Zellen.

Das Immunsystem hat unter anderem die Aufgabe, den Organismus vor Krankheitserregern zu schützen, krankhaft veränderte Körperzellen zu eliminieren oder abgestorbene Körperzellen zu entsorgen.

Während das Immunsystem bei Erkrankungen wie Krebs häufig versagt, weil die Tumorzellen das Immunsystem ganz geschickt austricksen können, kommt es bei Allergien zu einer immunologischen Reaktion gegen wenngleich Körperfremdes aber an sich ungefährliche Faktoren wie Pollen oder Nahrungsmittelbestandteil. Bei Autoimmunerkrankungen wenden sich die Immunzellen gegen körpereigene Strukturen.

Die Kinderstube der T-Zellen

Wenngleich auch B-Lymphozyten, die autoaggressive Antikörper produzieren können und dentritische Zellen (auch Antigenpräsentierende Zellen genannt) an der Entstehung von Autoimmunerkrankungen beteiligt sind, dürften die in der Thymusdrüse heranreifenden T-Lymphozyten die zentralen Player im Krankheitsgeschehen sein.

Stärker als bisher angenommen dürfte dabei bereits in der Kinderstube dieser Zellpopulation etwas schief laufen. Die T-Lymphozyten lernen im Thymusdrüse zwischen "Selbst" und "Nichtselbst" zu unterscheiden. Wie das genau abläuft, das wusste man bislang nicht.

Training im Thymus

Nun ist es dem Immunologen Ludger Klein im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Sonderforschungsbereichs SFB23 gelungen, ein weiteres - wahrscheinlich sehr entscheidendes - Detail zu lüften.

Er hat herausgefunden hat, dass der Thymus für das Training oder die Erziehung der T-Zellen praktisch jedes Eiweiß des Körpers produzieren und den T-Zellen präsentieren kann. Jene T-Zellen, die diese körpereigenen Strukturen im Thymus angreifen, werden zerstört oder zerstören sich vielmehr selbst, sodass an sich nur solche Immunzellen den Thymus verlassen dürften, die keine aggressive Regung gegen körpereigene Strukturen zeigen.

Autophagie

T-Lymphozyten erkennen aber keine "kompletten" Eiweiße, sondern nur Eiweiße in "zerschnipselter" Form, wenn Epitope der Eiweiße aus dem Inneren der Eiweiße an der Oberfläche sichtbar sind. Daher war die bisher ungeklärte Frage: Wie geben sich die vom Thymus gebildeten Proteinstrukturen zu erkennen?

Sie tun dies mittels Autophagie, fressen sich also selbst auf und präsentieren so die für die Erkennung wichtige Eiweiß-Fragmente aus ihrem Inneren. Unterbleibt dieser Prozess der Autophagie bei einzelnen Strukturen, können die T-Lymphozyten auch nicht zur Toleranz erzogen werden.

Dass es eine Verbindung zwischen der von Ludger Klein nachgewiesenen Autophagie und Autoimmunerkrankungen gibt, dafür haben zwei weitere Arbeitsgruppen ebenfalls erst jüngst weitere Hinweise geliefert. Sie fanden einen Zusammenhang zwischen einem Autophagie-Gen und Morbus Crohn, einer autoimmunen Erkrankung der Darmschleimhaut.

Hör-Tipp
Dimensionen, Montag, 20. Oktober 2008, 19:05 Uhr