Musikalische Reiseerzählungen

Schon vor Goethes "Italienischer Reise" waren Reiseberichte Pflichtlektüre für den Bildungsbürger. So hat schon Goethes Vater seine Eindrücke von Italien schriftlich hinterlassen. In der Musikliteratur wurde das Thema erst später berücksichtigt.

Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was verzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut,
Und tät das Reisen wählen.

(Matthias Claudius)

Der Herausgeber des "Wandsbecker Boten", Matthias Claudius, hat diese ausführlichen, strophenreichen Reiseschilderungen auf einen naiven Volkston abgestimmt, dem er oft auch eine ironische Färbung gab. Vielleicht haben die Aufklärungsbestrebungen von Claudius, wie in "Herrn Urians Reise um die Welt", damals im 18. Jahrhundert auch ein wenig satirisch gewirkt, wie zwei Jahrhunderte später Helmut Qualtingers Travnicek-Figur.

Auf jeden Fall scheint das stereotype "Was' brauch' I des" aus dem Mund der Wiener Kabarettfigur der Geisteshaltung des Herrn Urian aus der Zeit der Aufklärung verwandt zu sein. Nach mehreren Berichten aus diversen Erdteilen resümiert er:

Und fand es überall wie hier,
Fand überall 'n Sparren,
Die Menschen gradeso wie wir,
Und ebensolche Narren.

Reisen in Lied und Oper

Die vielen Strophen des Matthias Claudius sind auch vertont worden, nicht nur von Beethoven, der dieses Lied allerdings nicht in sein Werkverzeichnis aufgenommen hat.

Im Gegensatz zu der unendlichen Zahl literarischer Reiseberichte finden wir solch musikalische viel seltener. Manchmal allerdings in Opern, die in Albert Lotzings "Undine", wo es heißt: "Oh wie köstlich ist das Reisen, mancherlei man profitiert, glücklich kann sich jeder preisen, dem solch Los zuteile wird." Diese Zeilen sind schon mitten im Reisejahrhundert, dem 19., formuliert worden, in einer Zeit, in der es bereits Fortbewegungsmittel mit maschineller Unterstützung gegeben hat. Das Dampfschiff und die Eisenbahn. Vor allem sie hat es den Komponisten verschiedener Länder und Zeiten angetan.

Eisenbahnmusik

Von den Vergnügungszügen der Tanzmusikkomponisten, die gelegentlich einen Galopp zu schreiben hatten, wie Johann Strauß, oder sein dänisches Pendant Hans Christan Lumbye, den man den "Strauß des Nordens" genannt hat ("Kopenhagener Dampfeisenbahngalopp"), bis zu Duke Ellingtons jazziger Aufforderung: "You must take the A train", womit wir uns schon auf dem Gebiet der musikalischen Subway befinden, denn Ellingtons Ziel ist Harlem.

Sogar der viel ältere, im Jahrhundert von Matthis Claudius geborene Gioacchino Rossini hat ein mehrteilige Eisenbahnstück für Klavier solo geschrieben: "Un petite train de plaisir".

Im nächsten, im 20. Jahrhundert sind höchst gegensätzliche musikalische Schilderungen von Eisenbahnfahrten entstanden: Da ist besonders der südamerikanische Komponist Heitor Villa Lobos mit seinem an Johann Sebastian Bach orientierten Zyklus "Bachianas Brasilieras" zu nennen, der in Form einer Toccata und mit melodischen Elemente aus der Folklore seiner Heimat liebevoll die "kleine Eisenbahn von Caipira" schildert.

Pacific 231

Grandiose Dimensionen in klanglicher Hinsicht nimmt dagegen die gewaltige Schnellzugslokomotive Arthur Honeggers aus den dreißiger Jahren ein, die vor allem durch eine raffinierte und aufwendige Instrumentation interessant ist. Hier wird der Bewegensrhythmus einer Bahnfahrt mit den Mitteln des modernen Orchesters zu einem fast realistischen Klangerlebnis.

Überdies meint man auch das persönliche Engagement des Komponisten zu spüren, der schrieb: "Lokomotiven habe ich immer schon leidenschaftlich geliebt. In Pacific 231 ging es mir nicht um die Nachahmung der Geräusche, sondern um die Wiedergabe eines visuellen Eindrucks und eines physischen Wohlbefindens durch eine musikalische Form."

Chattanooga choo choo

Was aber den Bekanntheitsgrad einer Lokomotive in musikalischer Form betrifft, hat wohl Glenn Miller den Vogel abgeschossen. Und zwar als er mit seiner Präzisionsband in den 1940er Jahren einen Zug durch einer seiner Nummern populär gemacht, den Chattanooga choo choo. Geschildert wird die Fahrt mit einer Dampflok von New York nach Chattanooga, seit den 1880er Jahren ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt. Immerhin verkaufte sich der Titel 1941 mehr als eine Million Mal und im Jahr darauf wurde dafür erstmals in der Musikgeschichte eine Goldene Schallplatte vergeben.

Aber wenn man das Reisen musikalisch nachempfunden werden soll, sind auch noch eine Menge anderer Verkehrsmittel zu berücksichtigen. Schließlich gibt es in der Musikgeschichte auch ein gelbes Unterseeboot, genannt "Yellow Submarine", unzählige Schiffreisen sind musikalisch geschildert worden, einschließlich diverserer Seestürme, die Liste reicht vom Raumschiff über das Flugzeug bis zurück zum wichtigsten Verkehrsmittel der meisten Jahrhunderte, dem Pferd.

Schlittenfahrten
Im Oeuvre der Familie Mozart etwa finden sich zwei musikalische Schlittenfahrten - bei Vater und Sohn. Die von Leopold Mozart ist eine ganz Suite von kurzen Stücken, die hineinführt ins Alltagsleben des niederen Volkes. Handfeste Bauern, fröhliche Jäger, Soldaten mit Trommel- und Pfeifenklang, Postillons, sind zu hören, und vor allem vergisst er dabei auch die derbkomischen Seiten nicht, wie "Das vor Kälte zitternde Frauenzimmer" in der Schlittenfahrt beweist.

Dem Realismus der Stoffe entsprechen die Mittel: die Schlittenfahrt verlangt nicht nur fünf abgestimmte Glöckchen; sondern auch außermusikalischen Wirkungen, wie das Peitschengeknall.

Hör-Tipp
Musikgalerie, Montag, 3. November 2008, 10:05 Uhr