Heilen mit Musik
Musik als Medizin
Weltweit gibt es immer mehr Studien, die belegen, dass "Musikhören" als Therapie gegen Erkrankungen eingesetzt werden kann. So konnte gezeigt werden, dass Musik positive Effekte bei der Behandlung von Depressionen und nach einem Schlaganfall hat.
8. April 2017, 21:58
Vor zwei Jahren fand in Baden bei Wien unter dem Titel "Mozart & Science" der erste österreichische Kongress zum Thema Musikwirkungsforschung statt. Von 16. bis 19. November 2008 treffen sich im Palais Niederösterreich in Wien abermals mehr als 100 international angesehene Wissenschaftler zum gemeinsamen Gedankenaustausch.
Während es beim Kongress 2006 mehr um eine allgemeine Darstellung der vielen Bereiche und Disziplinen der Musikwirkungsforschung ging, setzt der Kongress 2008 seinen Fokus auf Anwendungsbereiche von Musik im medizinischen Bereich. So werden unter anderem mehrere Studien - darunter eine in Wien durchgeführte - präsentiert, die den positiven Einfluss von Musik bei verschiedenen körperlichen und psychischen Problemen aufzeigen. Bei Depressionen etwa, bei Tinnitus oder bei der Rehabilitation nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt.
Musik ein Teil des Menschen?
Unser Studiogast, der Geiger, Psychologe und Neurowissenschaftler Stefan Koelsch, hat sich genau dieser Frage verschrieben. Er erforscht, welche Emotionen Musik hervorrufen kann und wie, bzw. wo diese in unserem Gehirn entstehen.
Die moderne Hirnforschung geht davon aus, dass das Verständnis von Musik, genauso wie das Sprachverständnis, zu den grundlegenden menschlichen Eigenschaften zählt. Jedes menschliche Gehirn ist in der Lage, Musik und Rhythmen wahrzunehmen und z.B. falsche Akkorde auch als solche zu erkennen. Pointiert formuliert: Der Mensch ist genetisch auf Musik programmiert.
Kann Musik heilen?
Prinzipiell unterscheidet man zwischen rezeptiver und aktiver Musiktherapie, also dem Zuhören bzw. dem Selbstmusizieren.
Die psychotherapeutisch orientierte aktive Musiktherapie geht davon aus, dass sich Störungen oder Krankheiten, an der Klienten leiden, in der Art wie diese Musik erleben oder machen, äußern. Durch Veränderungen des musikalischen Verhaltens und Erlebens können heilsame Prozesse eingeleitet werden.
In der rezeptiven Musiktherapie hingegen wird nicht aktiv musiziert. Eine Beschwerdelinderung soll alleine durch "Musikhören" erreicht werden.
Musik gegen Burn out und Depressionen
Die Musikwirkungsforscherin Vera Brandes hat in Kooperation mit einem Wissenschaftsteam von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg und dem Wiener Hanusch-Krankenhaus von 2006 bis 2008 eine Studie durchgeführt, um die Wirkung von Musikhören auf depressive Menschen zu untersuchen.
Über einen Zeitraum von fünf Wochen wurden 200 Probanden einer so genannten "Hörkur" unterzogen. Zweimal täglich, fünf Tage die Woche wurden sie gebeten, spezielle, für depressive Menschen komponierte Musikprogramme zu hören. Das Ergebnis: Bei 86 Prozent der Testpersonen hatte sich deren Depressions-Schweregrad um 46 Prozent verbessert.
Musik hilft in der Rehabilitation nach Schlaganfall
Der Neurologe Gottfried Schlaug hat die so genannte "Melodischen Intonationstherapie" zur Wiedererlangung der Sprache nach einem Schlaganfall entwickelt. Bei Menschen mit einer Aphasie infolge eines Schlaganfalles wurde das so genannte Broca-Areal in der linken Hirnhälfte geschädigt.
Aphasiker können verstehen, was andere zu ihnen sagen, sie wissen auch, was sie antworten wollen, aber sie können es nicht artikulieren. Allerdings können Sie noch Sätze singen! Denn der Text von Liedern wird in einem Hirnareal verarbeitet, das in der rechten Hirnhälfte angesiedelt ist. Offenbar gibt es also dort auch ein Sprachvermögen. Aus gesungenen Worten werden dann langsam wieder gesprochene.
Studienergebnisse zeigten eine wesentliche Verbesserung der Sprachfähigkeit bei den an einem intensiven Therapieprogramm (75 Behandlungssitzungen) teilnehmenden Patientinnen und Patienten.
Weitere derzeit durch Studien überprüfte Einsatzgebiete für Musik sind Tinnitus, Bluthochdruck und die Rehabilitation nach einem Herzinfarkt.
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Hör-Tipp
Radiodoktor, Montag, 17. November 2008, 14:20 Uhr