Vom Kärntner Wesen und so weiter
Wien liegt am Wörthersee
Wieviel Event braucht der Mensch? Nicht gar so viel, sagt dieser. Blödsinn, antwortet der Verleger und der Politiker nickt stumm dazu. Denn wer Events hat, der braucht sich um sonst nichts zu kümmern - auch in der Literatur.
8. April 2017, 21:58
Gérard de Nerval ging mit einem Hummer an der Leine durch Paris spazieren. Die Menschen lachten und staunten, doch der Dichter sah die Welt in ein anderes Licht getaucht. Seine Sonne beschien eben nicht die Häuser und die Bäume und die Hündchen, die sich daran erleichterten, sondern die wirre Gleichzeitigkeit aus Antike und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit, Land und Wasser, Krustentieren und Luftgestalten.
Zu Nervals Zeit lagen bei den Dichtern die Nerven blank, buchstäblich. Sie hingen wie bei Albanischen Häusern einfach an der Fassade herunter, allen äußeren Einflüssen ausgeliefert. Es sprühten die Funken und brutzelten die elektrischen Entladungen und zuckten die Blitze und manchmal brach ein Brand aus und hinterließ ein Häufchen Elend.
Nerval, Rimbaud, Baudelaire, aber auch Proust, d'Annunzio waren mitunter weniger als Dichter bekannt, als vielmehr dafür, dass sie im Sommer Winterpelz trugen, sich gegenseitig auf offener Straße niederschossen, waghalsige Abenteuer mit dem Flugzeug unternahmen, über ihre Verhältnisse lebten, seltsame politische Ansichten vertraten und sich mitunter das Leben nahmen.
Die Literatur war ein Minenfeld und kaum einer, der sich auf sie einließ, kam unbeschadet davon. Die Zeitgenossen und Biografen brauchten über Mangel an Klatschgeschichten nicht zu klagen. Damals ließen es die Dichter halt noch krachen.
Der Verleger Herwig Bitsche aus Sankt Pölten sagte bei der Eröffnung der Buch Wien, er freue sich vor allem über den Eventcharakter. Den brauche die Literatur nämlich. Warum sagt jemand, der Bücher verlegt und keine Pornos produziert, so etwas? Weil er offenbar die Nervals, Rimbauds, Baudelaires, Prousts und d'Annunzios vermisst, diejenigen also, die ihr Leben für die Literatur hergaben und es früh genug verloren, und stattdessen das Feld der Literatur als Blümchenwiese verunstaltet sieht? Weil Schriftsteller Familien haben, sich Wohnungen leisten möchten und stipendiengestützt das richtige Leben im falschen wagen wollen? Weil sie sich im äußersten Fall nicht zu schade dafür sind, für ein paar Euro mehr den Clown für die Krisengewinnler zu geben und in Haubenlokalen die Begleitmusik zum großen Fressen zu spielen?
Ich weiß nicht, wie es mit der Eventdichte im Großraum Sankt Pölten steht, mag sein, dass man dort nicht so recht weiß, was man nach Feierabend mit sich anfangen soll. Adventkränze flechten ist nicht mehr so in Mode, und ein anderes Buch als das Raiffeisensparbuch zu lesen gilt ja offensichtlich für alphabetisierte Zeitgenossen schon als Warmduscherei. Deshalb wird beim Residenz Verlag (Salzburg, Wien, Sankt Pölten) in Zukunft gleich die Blaskapelle mitgeliefert. Weil: wo Buch ohne Event: da gar nix rennt.
So gelungen wie dieser Reim ist die Aussage des Verlegers - mit der er allerdings nicht allein dasteht. "Wien muss Kärnten werden", haben sich ein paar Literaturbetriebsverantwortliche in der Bundeshauptstadt gedacht und damit den ersten Schritt getan, um Jörg Haiders Vision vom Kärntner Wesen und so weiter Wirklichkeit werden zu lassen. Jeder Griff zum Buch eine Fête blanche! Jede Buchhandlung eine Lederhosenfilmkulisse! Jeder Verlag eine Knallkörpermanufaktur! That's The Way We Like It!
Und dann bin ich beim Googeln zu meiner nicht geringen Verblüffung auf eine Österreichische Gesellschaft für Literatur-Events gestoßen, konnte mich aber nach ein paar Mausklicks von der - allerdings immer noch verblüffenden - Tatsache überzeugen, dass es sich um von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur veranstaltete Events handelt, wobei, ehrlich gesagt, keine Institution eventuntauglicher ist als diese. Ihre Aufgabe sollte die "Förderung und Propagierung österreichischer Literatur, die Pflege kultureller Kontakte mit anderen Staaten, vor allem mit den Nachbarländern" sein. So hat es deren Gründer Wolfgang Kraus einmal ausgedrückt.
In den 1960er, 1970er und 1980er Jahren hat man darunter die Unterstützung von Dissidenten jenseits des Eisernen Vorhangs verstanden. Das war wichtig aber halt nicht lustig. Heute schickt man anpassungsunwillige Ausländer zur Zwangssommerfrische auf die Alm. Das ist lustig, befinden die Medien, und freuen sich an den Provinzpolitikern, die es krachen lassen bis die Gesetze brechen. Weil ja auch die Politik Events braucht. Weil ohne Event der gemeine Bürger zu nichts mehr zu bewegen ist. Weil er in der Früh gar nicht mehr aufstehen und seinen Bürgerpflichten nachkommen mag, wenn Totenstille herrscht. Weil Demokratie die Freiheit sich zu amüsieren meint. Und Literatur die Freiheit, in der Eventzone mit einem Schriftsteller ein Bier zu trinken und sich dessen Buch erzählen zu lassen.
Jetzt liegt Wien halt auch schon am Wörthersee, Sankt Pölten sowieso und demnächst wird ganz Österreich zu Kärnten degradiert. Die beiden potenziellen Koalitionspartner sollen schon darüber verhandeln.
Buch-Tipp
Peter Zimmermann, "Schule des Scheiterns", Czernin Verlag
