Erinnerung an die Hoffnung

Man sollte die nun in einem Buch versammelten autobiografischen Texte von Andreas Okopenko zusammen mit den Gedichten lesen, abwechselnd, und auch seine andren Texte bei der Hand haben. Diese Lektüre sei hiermit nachdrücklich empfohlen.

In der sanften Melancholie des Titels "Erinnerung an die Hoffnung" liegt vieles drin, was schwer wiegt, aber bei Andreas Okopenko eine immer wieder überraschende Leichtigkeit erhält. Im Leben und in der Literatur ist es schwer, den Augenblick festzuhalten, den Moment der Glückseligkeit, das Jetzt. Die Hoffnung sieht nach vorwärts, die Erinnerung blickt zurück, und die Gegenwart liegt irgendwo dazwischen. Im autobiografischen Rückblick ist sie schwerer einzufangen als im Gedicht, das bleibt, wenn es gelungen ist, für immer gegenwärtig. Und Andreas Okopenko sind Gedichte gelungen, die das schaffen, immer noch sind diese Gedichte zu wenig bekannt - kein Wunder bei diesem sanften Autor, dem das Marktgeschrei so gar nicht liegt.

Man sollte die nun in einem Buch versammelten autobiografischen Texte zusammen mit den Gedichten lesen, abwechselnd, und auch zum "Lexikon-Roman" empfiehlt es sich zu greifen; und wer es nicht hat, sollte das Buch kaufen. In diesem 1970 erschienenen unkonventionellen Roman wird der Leser in einer vorangestellten "Gebrauchsanweisung" dazu aufgefordert, sich aus dem bereitgestellten Material den Roman selbst zu basteln. Wie in einem richtigen Lexikon sind die einzelnen Begriffe alphabetisch geordnet und mit Verweispfeilen versehen.

Dieses Buch ist eines der Hauptwerke der österreichischen Literatur nach 1945: von den "Auen" bis zur "Zukunft des Rotgebrauchs" steht vieles in diesem "Lexikon einer sentimentalen Reise", wie es im Untertitel heißt, was nützlich und poetisch zugleich ist.

Der "Zuagraaste"

Andreas Okopenko ist in einem Kindheitsparadies aufgewachsen, trotz der politischen Gefährdungen, von denen die Familie immer bedroht war. Der Vater, ein aus der Ukraine stammender Arzt, hat ein abenteuerliches Leben geführt. Der erste der Aufsätze lässt ihm Gerechtigkeit widerfahren. 1930 in Kosice/Kaschau geboren, lebte die Familie zunächst in einem kleinen Dorf im slowakischen Erzgebirge, später dann in der Karpatoukraine, Ende der 1930er Jahre, als sich dieser Landstrich kurzzeitig trügerische Hoffnungen auf Selbstständigkeit machte; zwischen 1939 und 1944 war die Karpatoukraine ungarisches Gebiet. Durch Glück entrann die Familie den Massakern an der ukrainischen Bevölkerung und konnte 1939 nach Wien flüchten. Der Vater erhielt eine Arztstelle in der Psychiatrischen Anstalt "Steinhof". Nach Kriegsende wurde er denunziert, von den Russen festgenommen, von seiner Familie getrennt und zu zehn Jahren Straflager im Ural verurteilt. 1956 rehabilitiert, starb er mit 91 Jahren in Moskau.

Für den Sohn bedeutete der Umzug nach Wien zunächst einen Schock. Andreas Okopenko ging während des Krieges in Wiens Arbeiterbezirk Ottakring zur Schule, eine harte Schule des Lebens für den bis dahin wohlbehüteten Mädchenverehrer:

Und dann stand es fest: ich würde rückläufig buchstabiert werden. Als Flüchtling, "Zuagraaster", "ukrainischer Bauernhund" in Wiens härtestbubigem Bezirk kann man nur rückläufig buchstabiert werden. Und wenn man dann in blamablem Schriftdeutsch all die Geständnisse seiner Unsportlichkeit ablegt, bleibt ein Apfelstengel, der einem bis in die Lippen gerammt wird, und der Schuldspruch, der dieses Todesurteil nachträglich rechtfertigt: der Oknepoko kann net radlfahrn!

Bleierne Konservativität der 1950er Jahre

Kurz nach dem Krieg erlebte wahrscheinlich nicht nur Andreas Okopenko eine Phase einer euphorischen Neugeburt. Aus dem Pimpf, dem "Kindernazi" (so der Titel eines weiteren Romans, der zentral für die österreichische Literatur nach 1945 ist) wurde ein glühender Demokrat, es ist die Zeit der Hoffnung, des Aufbruchs, der Literatur.

Aber nur wenige Jahre später ist der Frühling wieder vorbei. Der Elan der jungen Leute sieht sich mit der bleiernen Konservativität der 1950er Jahre konfrontiert. Okopenko schreibt:

Stark beeindruckte die meisten von uns der Surrealismus, der damals als skandalöse Kunstrichtung aktuell war und gegen den die öffentliche Meinung in Österreich damals ganz besonders geiferte, wie gegen die Jugend, den Pessimismus, die Unverständlichkeit und den Kommunismus.

Dagegen formiert sich ästhetischer Widerstand: Die "Wiener Gruppe" wird aktiv, in verschiedenen Zeitschriften werden die Texte der Jungen veröffentlicht, was Skandale hervorruft; Okopenko gibt selbst zwischen 1951 und 1953 eine hektographierte Zeitschrift unter dem Titel "publikationen einer wiener gruppe junger autoren" heraus. Als "Not-Onanie" bezeichnet er diese Publikationen fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Immer zwischen den Stühlen

Was in diesen aus den verschiedensten Anlässen geschriebenen autobiografischen Texten ganz deutlich wird: Okopenko saß immer zwischen den Stühlen. Er war Realist, für den Sprache ein Mittel zur Mitteilung war, ein Mittel auch zur Bannung von Alltagsbeobachtungen. Damit stand er in Gegensatz zu den sprachkritischen Arbeiten der "Wiener Gruppe".

Dazu kam der Habitus eines sanften Frauenverehrers, den der machistische Gestus mancher junger Wilder der 1950er Jahre früh störte. Okopenko entwickelte in diesen Jahren nach dem Krieg eine Privatphilosophie der Gleichberechtigung der Geschlechter, eine "Ethik der Natürlichkeit", die auf "Jugendlichkeit und Liebeserwartung" aufbaute. Auch wenn sie später an der Wirklichkeit zuschanden ging, dieser Mischung aus Buddhismus, Existenzphilosophie und Frauenemanzipation hat Okopenko nie abgeschworen.

Als Fazit sei noch Folgendes aus einem mit "Emanzipation Erotik" übertitelten Text zitiert:

So ging ich jahrelang (...) zeitfremd-zeitvoraus durch die Welt, die Welt meiner Straßen- und Zeitungsplapperer, meiner Studienfreunde und Mädchen. Ich ging mit seltener Empfindlichkeit und Schärfe, seltsamen Gewohnheiten und seltsamem Schreiben und wurde von manchen sehr geachtet, im Allgemeinen aber sehr abgesondert und vereinsamend gelassen.

"Erinnerung an die Hoffnung", die gesammelten autobiografischen Aufsätze Andreas Okopenkos, seien zur Lektüre nachdrücklich empfohlen, ebenso wie die Gedichte, die Romane, die Essays dieses Autors. Dass sich der erst seit diesem Bücherherbst aktive Wiener "Klever-Verlag" der Texte Okopenkos annimmt, ist ihm hoch anzurechnen.

Service

Buch-Tipp
Andreas Okopenko, "Erinnerung an die Hoffnung. Gesammelte autobiografische Aufsätze", Klever-Verlag