Glockengasse 29

Die Wohnung in der Glockengasse in der Leopoldstadt bestand aus Zimmer, Küche und Kabinett. Der Vater Friseur, die Mutter kümmerte sich um Haushalt und acht Kinder. Der Vater war Jude, die Mutter Christin. Der März 1938 kam - und änderte alles.

Ihr Leben habe "als Missverständnis" begonnen, schreibt Vilma Neuwirth am Beginn ihrer Kindheitserinnerungen, denn die Mutter ist nur fünf Monate nach der Geburt ihrer Schwester wieder schwanger. Und weil man damals glaubte, dass Frauen so rasch nicht wieder schwanger werden können, hält sie das Kind in ihrem Bauch zunächst für einen Tumor. Im August 1928 schließlich kommt Vilma gesund zur Welt - als das jüngste von acht Kindern.

Die Freude der Eltern darüber ist nicht ungetrübt: Die Familie ist arm und lebt in beengten Verhältnissen. Die Wohnung in der Glockengasse in der Leopoldstadt besteht aus Zimmer, Küche und Kabinett, Wasser und Plumpsklo sind am Gang und werden mit den Nachbarn geteilt. Der Vater ist Friseur, die Mutter kümmert sich um Haushalt und Kinder. Sie habe sich oft gefragt, wie die Eltern überhaupt so viele Kinder zeugen konnten, schreibt Vilma Neuwirth - in einer Wohnung, die keine Privatsphäre zulässt.

Von heute auf morgen verändert

Die Mutter, Christin und Tochter niederösterreichischer Bauern, organisiert mit viel Engagement und Improvisationstalent den Alltag. Hungrig zu Bett gehen müssen Vilma und ihre Geschwister nie. Im Haus wohnen vor allem arme Leute, viele sind arbeitslos, viele sind Juden wie Vilmas Vater. Im Haus hilft man einander beherzt, wo es nur geht. Vilmas Vater schneidet kostenlos die Haare, dafür darf Vilma oft bei den Nachbarn mitessen.

Doch dann kommt der März 1938.

Ich war gerade zehn Jahre alt, und wer das nicht selbst erlebt hat, kann es nicht glauben: Die nichtjüdischen Nachbarn veränderten sich im März, mit dem Einmarsch Hitlers, von einem Tag auf den anderen. Es war und ist noch immer unfassbar - aus jeder nichtjüdischen Wohnung kamen auf einmal nur mehr Uniformierte. Über Nacht trugen alle SA-Uniformen und Stiefel. Wir haben uns später oft den Kopf darüber zerbrochen, woher sie diese Uniformen so schnell hatten. Vor dem Einmarsch waren sie nette, unauffällige Mitbewohner. Sie gingen bei uns ein und aus und umgekehrt. Die meisten von ihnen hatten bis dahin nicht einmal ordentliche Kleidung. Auf einmal waren sie wer - es war zum Fürchten.

Entrechtung, Verfolgung und Terror

Vilma Neuwirth beschreibt in ihrem ergreifenden Text, wie ihre Familie die NS-Zeit in Wien erlebt. In klaren Worten schildert sie den schier unglaublichen Hass, der ihr und ihrer Familie buchstäblich über Nacht entgegenschlägt - nicht zuletzt von "ganz normalen Mitmenschen". Weil sie und ihre Geschwister nach der Geburt in der Kultusgemeinde registriert worden waren, werden sie von den Nazis trotz der nichtjüdischen Mutter als "Geltungsjuden" definiert. Womit für sie dieselben Bestimmungen gelten wie für Juden.

Das Buch ist ein rares Dokument über die Entrechtung, Verfolgung und den Terror gegenüber Jüdinnen und Juden, die nicht vor den Nazis aus Wien flüchten konnten. Und es ist eines der seltenen Zeugnisse aus dem jüdischen Wiener Arbeitermilieu. Der Text ist voll von Dialektausdrücken und es wimmelt nur so von Gfrastern, Gschroppen und Goscherten.

Der Schulweg begann schon mit einem Spießrutenlauf. Die Leute aus der Umgebung wussten, dass sich in der Pazmanitengasse eine "Judenschule" befand. Wir wurden bereits auf dem Weg dorthin von "braven Volksgenossen" bespuckt und angestänkert. Aber wenn der Unterricht aus war, wurden wir Kinder vor dem Schultor von einer Meute alter und junger Nazis "empfangen". Sie schlugen mit Ketten und Hundepeitschen auf uns ein. Es waren vorwiegend Frauen, die sich dabei besonders hervortaten. Für sie war es eine Vormittagsunterhaltung, ehe sie dann auf den Volkertmarkt einkaufen gingen.

Ein Denkmal für die Mutter

Vilma Neuwirth will mit ihrem Buch auch ihrer Mutter ein Denkmal setzen, einer Frau ohne höhere Bildung, die den Wahnsinn des NS-Regimes erkennt und nach Kräften versucht, ihn von ihrer Familie fernzuhalten. Sie schützt ihren jüdischen Mann etwa, indem sie sich auf der Straße bei ihm einhakt: Sie trägt das Hakenkreuz, er den Judenstern. Der Text basiert vor allem auf Schilderungen ihrer Mutter, erzählt Vilma Neuwirth:

"Ich hab immer, wenn wir sie besucht haben, das Tonband mitrennen lassen, und alles, was ich schreibe, ist authentisch. Ich hab immer das Hölzel geworfen: Wie war das, wie du mit dem Vater gegangen bis - er mit dem Stern und du mit dem Hakenkreuz? Dann habe ich die Antwort gekriegt. Also es ist alles authentisch." Und sie setzt fort: "Noch etwas muss ich dazusagen: Wir waren doch selber verfolgt. Wenn einer das Buch liest, wird er das sehen, in welchem Haus wir gewohnt haben. Und trotzdem hat meine Mutter vier oder fünf Unterseeboote fallweise bei uns schlafen lassen."

Eindringliche Schilderungen

Man erfährt in "Glockengasse 29" sehr anschaulich, wie unter den Nazis Alltagswege für Juden zum Spießrutenlauf wurden und freundliche Nachbarn zu feindseligen Denunzianten, wie Familienangehörige und Nachbarn plötzlich verschwinden und die Angst allgegenwärtig ist - auch für Vilmas Mutter, die niemals sicher sein kann, ihre Kinder noch einmal zu sehen, wenn diese das Haus verließen.

"Wir sind ohne Stern gegangen", erzählt Vilma Neuwirth. "Sie hat nie gewusst, wann wir nach Haus kommen oder ob wir überhaupt wieder nach Haus kommen. Meine Mutter hat mit uns so viel mitgemacht. Das kann ich erst jetzt verstehen, wo ich selber Mutter und Großmutter und Urgroßmutter bin, was meine arme Mutter mit uns mitgemacht hat."

Dass Schilderungen wie jene von Vilma Neuwirth von allen gelesen werden müssen, solange sie noch geschrieben werden, schreibt Elfriede Jelinek im Vorwort zu "Glockengasse 29". Dass das heute mehr denn je gilt, ließe sich diesem Appell noch hinzufügen.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Vilma Neuwirth, "Glockengasse 29. Eine jüdische Arbeiterfamilie in Wien", Milena Verlag

Link
Milena Verlag - Glockengasse 29