Geschichte des 20. Jahrhunderts
Ich habe einen Traum
Mit Hilfe von 80 berühmten Sätzen führte Helge Hesse bereits einmal profund und unterhaltsam durch die Weltgeschichte. Der zweite Streich beschäftigt sich nach demselben Konzept mit Geschichte, Politik und Kultur des 20. Jahrhunderts.
8. April 2017, 21:58
"I have a dream!", rief er den Menschen zu. Dieser Traum, den King mit melodischer Stimme und im Rhythmus eines Gospels vortrug, war der, dass seine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden.
Der Traum, vom dem Martin Luther King am 28. August 1963 vor dem Washington Memorial sprach, beschränkte sich keineswegs nur auf Rassenfragen. King träumte von einer Gesellschaft, in der "Schwarze und Weiße, Juden und Heiden, Katholiken und Protestanten" den gleichen Wert haben. Er fasste damit zusammen, was sich viele Menschen in den 1960er Jahren wünschten und somit den Geist dieses Jahrzehnts des Umbruchs ausmachte.
Dieser Traum, wie wir heute wissen, bewegte tatsächlich viel. Sowohl für die Gleichberechtigung der Schwarzen, als auch für jene der Frauen wurde einiges erreicht. In den USA und in Europa wurden zahlreiche Antidiskriminierungsgesetze verabschiedet. Die Bürgerrechtsbewegung war der Anfang eines langen Weges, auf dem der Sieg von Barack Obama bei der US-Präsidentenwahl einen weiteren wichtigen Meilenstein markiert.
Zeit der Umbrüche
Die gesammelten 80 Sätze wurden deshalb so bekannt, weil sie mit wenigen Worten einen komplexen Zusammenhang auf den Punkt brachten oder ein bestimmtes Gefühl ausdrückten, das viele Menschen verband. Gerade das 20. Jahrhundert war ja an großen Umbrüchen, dramatischen Veränderungen und entsetzlichen Ereignissen nicht gerade arm. Und das von Anfang an.
Am 27. April 1900 standen 2.000 Soldaten in Reih und Glied auf der Pier von Bremerhaven in der Sommersonne. Eine lange Reise lag vor ihnen. Die breitkrempigen hellen Hüte der deutschen Kolonialsoldaten - der sogenannten Schutztruppen - ließen erahnen, welche Aufgabe sie zu erfüllen hatten. Sie sollten in der Ferne unnachgiebig die imperialen Interessen des Deutschen Reiches durchsetzen. Dieses Mal in China.
"Pardon wird nicht gegeben!" lautete der dazu gehörende Befehl und repräsentative Satz von Kaiser Wilhelm II. Noch ein weiterer Spruch aus dieser Rede wurde übrigens zum geflügelten Wort: "Gefangene werden nicht gemacht!"
Die martialische Ankündigung gab, so der Autor Helge Hesse, bereits einen ersten düsteren Vorgeschmack der weiteren Rolle Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Wissenschaftliche Revolutionen
Das 20. Jahrhundert war keineswegs nur in politischer Hinsicht bemerkenswert. Albert Einsteins Formel "E = mc2", Sigmund Freuds Feststellung "Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus" oder Martin Heideggers These "Das Nichts nichtet" beschreiben in Kürzestform wissenschaftliche Revolutionen.
Andere Phrasen erzählen von wirtschaftlichen Umbrüchen und Krisen, die auch vor diesem Jahrhundert nicht Halt machen. Darunter findet sich Bill Clintons aktuell immer wieder gerne zitierte Wahlkampfslogan "It's the economy, stupid!", Ludwig Erhards Forderung "Wohlstand für alle!" und John Maynard Keynes Feststellung "Langfristig sind wir alle tot!", womit er nichts anderes meinte, als dass langfristiges Denken für kurzfristige Probleme nicht zu gebrauchen wäre.
Keynes war der Auffassung, dass Zeiten großer Unsicherheit die Wirtschaft lähmen. Unternehmer investieren nicht und stellen keine Arbeiter ein. Nicht nur der Preis oder der Lohn bestimme die Nachfrage nach Gütern und Arbeit, sondern auch die Erwartung der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung. So nehme in schlechten Zeiten die Neigung zu, noch mehr zu sparen.
Vorlage für Quizspiele
Hesses Zitate-Sammlung kann man übrigens auch hervorragend als Quizspiel verwenden. Sag mir einen berühmten Satz und ich sag dir, von wem er stammt. Irrtümer sind dabei garantiert.
Der berühmte Liedtitel "Lucy in the sky with diamonds" etwa stammt von Julian Lennon. Sein Vater John übernahm die Kurz-Erklärung eines Bildes, das er im Kindergarten gemalt hatte, direkt für einen seiner wohl bekanntesten Songs.
Der Spruch "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" klingt wie ein uraltes chinesisches Sprichwort. Tatsächlich ersann ihn allerdings der amerikanische Werbetexter Fred R. Barnard. 1921 warb er damit schlicht und einfach für den Einsatz von Bildern zu Werbezwecken auf Straßenbahnen. Bemerkenswerterweise war die Anzeige selbst gar nicht bebildert, sondern bestand ausschließlich aus Text.
"Ich suche nicht, ich finde!" Pablo Picasso
"Auge um Auge lässt die Welt erblinden!" Mahatma Gandhi
"Besser aufrecht sterben als auf Knien leben!" Emiliano Zapata
"Anything goes!" Paul Feyerabend
Schlüsselmomente des 20. Jahrhunderts
Es sind dramatische Appelle, schlichte Weisheiten, kluge Einsichten oder kühne Prophezeiungen, die hier stellvertretend für 80 Schlüsselmomente des 20. Jahrhunderts stehen. Helge Hesse hat uns mit seinem übersichtlichen und kurzweiligen Konzept zum zweiten Mal ein Geschichtsbuch in die Hand gegeben, das zu einer äußerst vielfältigen Zeitreise einlädt.
Von Michail Gorbatschow über Neil Postman bis zu Joseph Conrad trifft man dabei auf prägende Figuren aus Politik, Wissenschaft und Kunst und erfährt alles über ihre wesentlichen Anliegen, Ideen und Leistungen. Schade, dass dabei mit den beiden Autorinnen Gertrude Stein und Irina Dunn nur zwei Sätze aus weiblicher Quelle zitiert wurden. Aber wie heißt es in Dunns legendärem Klospruch so schön?
Eine Frau braucht einen Mann, wie ein Fisch ein Fahrrad braucht!
Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr
Buch-Tipp
Helge Hesse, "Ich habe einen Traum. In 80 Sätzen durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts", Eichborn Verlag
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Eichborn Verlag - Helge Hesse
