Vergessener Komiker

Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze - dem Komiker schon gar nicht. Bei Franz Engel, dem einstigen Star des Wiener wie auch des Berliners Unterhaltungstheaters, hat das schlechte Gewissen schon ordentlich nachgeholfen beim Vergessen.

Die Nachwelt hat bekanntlich Besseres zu tun, als dem Mimen Kränze zu flechten - im Fall des Komikers Franz Engel, zu seiner Zeit beinahe allgegenwärtiger Kabarett-Star, Coupletsänger, Alleinunterhalter, Radiokomiker und (bei Bedarf) auch Theaterdirektor, gesuchter Bühnenpartner und -kompagnon von Wien bis Berlin, von Simpl bis Hölle und Moulin Rouge - bei Franz Engel haben der brutale Rausch der Weltgeschichte, der dazugehörige Katzenjammer und das nachfolgende schlechte Gewissen dazu beigetragen, dass die Nachwelt sich nicht einmal beim Vergessen sonderlich anstrengen musste.

Vorher da und nachher weg

Franz Engel war kein Fritz Grünbaum, dem man (wenn auch mit deutlich größerer Verspätung als selbst bei Wiedergeburten üblich) doch so eine Art ängstlicher Renaissance bereitet hat; Engel war auch kein Karl Farkas, der, als Einziger aus jener Zeit in diese herüberragend, in späten Jahren ungewollt zum Monument einer seltsamen "Wiedergutmachung" wurde - Franz Engel war vorher da und nachher weg. Und insofern ein Symptom, als eben die Zeit zwischen vorher und nachher auch irgendwie plötzlich nicht mehr da war.

Ein paar Bilder existieren von ihm, Franz Engel, dem Conférencier, dem Coupletisten, dem phlegmatischen Ezzesgeber und stöckchenwirbelnden Revuetänzer. Und karge, aber unmissverständliche Lebensdaten: geboren 1898 in Wien, geflohen 1933 aus Berlin, 1938 aus Wien, 1939 dann mit Farkas und anderen Kabarett-Kollegen in der Etappe, im "Vienne à Paris", danach Flucht in die Niederlande, interniert im berüchtigten Transitlager Westerbork, dann Theresienstadt; ermordet 1944 in Auschwitz.

Eine Handvoll Tonaufnahmen

Ein paar wenige Texte, die Engel für den eigenen Bühnengebrauch verfasste, haben sich in vereinzelten Nachlässen erhalten - und eine Handvoll Tonaufnahmen. Die allerdings belegen, dass es Dinge gibt, die einfach nicht zu vergessen sind - nicht einmal mit Gewalt. Er war einer von den über Jahre zu Tode Gehetzten, einer von denen, deren Geist und scharfen Witz sie mit wild brodelndem Spießbürgerspott, mit volksgenössischer Häme auszulöschen versuchten. Und deren Stimme, wiewohl technisch mangelhaft konserviert, heute klingt wie eine, der sie wohl ihre Zeit, aber nicht ihren Atem haben nehmen können.

Hör-Tipp
Patina, Sonntag, 15. und 22. Februar 2009, 9:05 Uhr