Haydn und der Frühling

Altväterlich kommt er daher, der Papa Haydn, in vieler Musikliebhaber Vorstellung. Aber! Es gibt eine Reihe von Literatur, die dieses Image in den Orkus schreibt. Wollen Sie mehr über Haydn wissen? Dann lassen Sie die offiziellen Biografien liegen!

Wie wichtig ist Ihnen Unterhaltung? Vor allem jene, die unterhaltsam über Bildung berichtet? Und fallweise ein wenig Ihre festgefügten Meinungen durcheinander rüttelt? Ist Ihre Antwort jetzt ein überzeugtes "Ja!" oder auch nur ein andeutungsweises Nicken, trifft sich das gut. Denn auch ich liebe es, festgefahrene Hirnwege in erdig duftende und ein wenig schlammige Wald- oder Feldwege zu verwandeln, zumindest abschnittsweise.

Bilder mit Symbolkraft

Da kommt mir das "Papa Haydn"-Klischee nur recht, mitsamt den üblichen unappetitlichen Anekdoten, die sich um ihn ranken. Diesem etwa: Papa Haydn und der junge rebellische Beethoven gehen gemeinsam spazieren. Beethoven, schon als Junger ein Schnell-Geher, muss sich ungeheuerlich einbremsen, um den schon langsamen alten Mann neben sich nicht zu frustrieren - ein Bild mit Symbolkraft, finden Sie nicht?

Oder jenes andere, vom eben geschassten Chorknaben Haydn, der die ihm angebotene Entmännlichung aus eigenem Willen oder durch väterlichen Einspruch nicht angenommen hat. Auch sehr symbolisch. Das widerlichste Gschichterl aber ist für mich diese gerne und oft kolportierte Szene, in der der reisefertige Haydn sich von Mozart verabschiedet und der in Tränen aufgelöste Mozart schluchzt, das wäre das letzte Mal, dass sie einander sehen würden. Bäh! Igitt! Ekelhaft!

Was wäre wenn...

Aufräumen mit diesem Haydnbild, diese Idee hatten viele, passend zum Haydnjahr. Der gemeinsame Nenner heißt "Was wäre wenn...". Was wäre, wenn es noch lebende Nachkommen von Joseph Haydn gäbe? Abstammend von einer gewissen Rosalyn aus dem Good Old England? Heißt es nicht, dass Papa Haydn nicht habe stillsitzen wollen, als Thomas Hardy sein Porträt habe malen wollen? Und dass Hardy eine dralle Dirn habe holen lassen, die sich auf Haydns Schoß niederließ und Papa Haydn beschäftigte - oder sich mit ihm? - so dass der Maler und sein Modell zufrieden und das Porträt alsbald fertig gestellt waren. Natürlich könnte diese junge Frau Rosalyn geheißen haben. Natürlich könnte sie Briefe hinterlassen haben. Und wieso sollte sie von Haydn kein Kind bekommen haben? Michael Stradal, bekannter Geheimniswitterer hinter dunklen Musikerbiografie-Punkten, dachte und spekulierte und schrieb. Das Ergebnis nannte er "Die Briefe der Rosalyn Haydn. Eine phantastische Novelle". Novelle passt nicht, würde ich sagen. Kriminalroman wäre um vieles angebrachter.

Oder diese Idee, dass es doch so etwas wie Memoiren vom alten Haydn geben müsse. Jeder, wirklich jeder hat damals Tagebuch oder zumindest Memoiren geschrieben, und jetzt kommen Sie mir nicht damit, dass Haydn jobmäßig so eingespannt gewesen wäre, dass er dazu keine Zeit gehabt hätte. Er hätte dazu ja auch seine letzten Lebensjahre nutzen können und Erinnerungen sammeln, um sie aufzubewahren für wen auch immer.

Diesem Grundgedanken folgte Susanne Dobesch. Sie lässt in "Die geheimen Erinnerungen des Joseph Haydn" eine junge, chronisch geldlose Journalistin auf einem bestimmten Dachboden in Gumpendorf - genau, dem Haydn-Haus! - ein Konvolut finden, das sie als Aufzeichnungen Haydns zu erkennen glaubt. Als sie ihrem Chefredakteur die Entdeckung anbietet, ist seine Reaktion verhalten. Vorerst. Als andere von den Schriften Wind bekommen, ist die Hölle los, nicht nur für die kleine Journalistin, sondern auch in Eisenstadt, in der Haydngesellschaft, in der Musikwissenschaft und sonst auch. Fein gemacht, sehr lesenswert! Ich habe die Seitenhiebe auf unsere Gegenwart sehr genossen!

Haydn lebt!

Schwerer tu ich mir, ich geb es zu, mit dem Haydn-Roman des passionierten Sprach-Erotikers Herbert Maurer "Pannonias Zunge". Papa Haydn? Pah! Maurers Haydn-Schein-Biografie schlägt die Verbalinjurien mancher Hiphopper um Längen, mit dem Unterschied, dass seine Sprache hierzulande geläufiger ist. Aber: Es ist ein altes Buch, zehn Jahre hat es auf dem Buckel. Na gut, es wurde aktualisiert und erweitert, aber mir gefällt es noch immer nicht.

Lassen Sie sich davon ja nicht abschrecken, Sie wissen ja, man muss sich seine Meinung selber bilden, auch wenn es weh tut und Mühe macht! - Was ich hingegen sehr lustig finde, aus der Feder jenes besagten Haydn-Biografen, ist die Aussage "2009 Joseph Haydn lebt!" samt zugehörigem (Web-)Tagebuch. Herbert Maurer schlüpft in die Haut des besagten Gefeierten und schwadroniert über James Bond, Klarinetten, Putin und Veltliner. Sehr hübsch! Gedanken zum Tag, mal anders.

Mehr zu "Haydn örtlich" in oe1.ORF.at

Buch-Tipps
Michael Stradal, "Die Briefe der Rosalyn Haydn. Eine phantastische Novelle", Edition Roesner

Susanne Dobesch, "Die geheimen Erinnerungen des Joseph Haydn", Edition Va Bene

Herbert Maurer, "Pannonias Zunge", Berlin Verlag

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