Die möcht' ein Freudenhaus eröffnen!

Am 1. November 1978 wurde das erste Frauenhaus Österreichs in Wien eröffnet. Und war alsbald überfüllt. Eine große Altbauwohnung diente als vorübergehende Bleibe für Frauen, die mit ihren Kindern vor dem gewalttätigen Ehemann flüchten mussten.

"Ich habe das Handy geschnappt und mich im Park versteckt, weil ich Angst hatte, dass er mich verfolgt. Ich habe furchtbar gezittert, aber mich zusammengerissen und den Notruf vom Frauenhaus gewählt." Selma hat es geschafft. An jenem Tag hatte der Ehemann ihr wieder einmal einen harten Gegenstand nachgeworfen, weil sie seiner Meinung nach nicht ordentlich geputzt hatte.

Davor lagen drei Jahre Demütigungen, Beschimpfungen, Freiheitsbeschränkungen, regelmäßige, körperliche Attacken und die Drohung, sie umzubringen, sollte sie ihn verlassen. Dieser Schritt war daher unvorstellbar schwierig, aber Selma hat es gewagt und ist mit ihrer Tochter in ein Frauenhaus geflüchtet. Dort waren sie in Sicherheit.

Ehegesetz erst in den 1970ern reformiert

Vor 30 Jahren hätte Selma die unerträgliche Situation wohl noch länger ertragen müssen, denn erst seit 1978 gibt es in Österreich Frauenhäuser. Johanna Dohnal, damalige Gemeinderätin und spätere Frauenministerin, hat dem Frauenhaus politisch zur Durchsetzung verholfen. Das war alles andere als einfach, erinnert sie sich. Der damalige Wiener Bürgermeister etwa soll gemeint haben: "In Wien werden keine Frauen geschlagen!", und Gemeinderatsmitglieder scherzten: "Die Dohnal möcht' ein Freudenhaus eröffnen!"

Das aus dem Jahr 1811 stammende Ehe- und Familienrecht hatte die Diskriminierung der Frau vor dem Gesetz und auch im gesellschaftlichen Bewusstsein festgeschrieben. Der Mann galt als das Oberhaupt der Familie, und die Frau hatte ihm zu gehorchen. Das Gesetz wurde erst in den 1970er Jahren reformiert und war die Grundlage dafür, dass eine Institution wie das Frauenhaus überhaupt entstehen konnte.

Enttabuisierung der Gewalt gegen Frauen

Ohne eine engagierte Lehrende an der Sozialakademie und vor allem ohne eine Gruppe feministisch orientierter, unerschrockener Studentinnen hätte die Realisierung noch länger gedauert. Nach dem Vorbild der bereits bestehenden Frauenhäuser in London und Berlin konzipierten diese jungen Frauen, alle noch keine 20 Jahre alt, das erste Frauenhaus Österreichs.

Am 1. November 1978 wurde es eröffnet. "Das war die Enttabuisierung der Gewalt gegen Frauen", meint Johanna Dohnal heute. "Es war wie eine große Wohngemeinschaft", sagt Elfriede Fröschl, eine der damaligen Gründerinnen, über das erste Frauenhaus, das eigentlich kein Haus, sondern eine große Altbauwohnung im 9. Wiener Gemeindebezirk war.

Es gab keine räumlichen Abgrenzungen zwischen Büro- und Wohnbereich, alle Entscheidungen wurden basisdemokratisch, gemeinsam mit den Bewohnerinnen, beschlossen. Denn die politische Grundüberzeugung der angehenden Sozialarbeiterinnen war: "Wir Frauen sitzen alle im selben Boot. Alle sind von männlicher Gewalt betroffen, die einen von struktureller, die anderen von direkter körperlicher Gewalt."

Erste Enttäuschungen

Auch der Frauentag am 8. März wurde gemeinsam begangen: Plakate wurden gemalt und auf ging's zur Demo. Die Erwartungen an Frauensolidarität waren hoch. Bald gab es die ersten Enttäuschungen: Die Bewohnerinnen sollten in ein Kuvert freiwillige Beiträge für Essen und sonstige Anschaffungen stecken - doch das Kuvert blieb recht leer.

Es entstanden einige Freundschaften zwischen den Bewohnerinnen, doch die Hoffnung der Frauenhausgründerinnen, dass Frauen einander auch später unterstützen und zusammenleben würden, erfüllte sich nicht.

Chronische Überfüllung

Unverständnis herrschte unter den Sozialarbeiterinnen, wenn die Frauen wieder zu den gewalttätigen Ehemännern zurückkehrten. Die ersten ernsthaften Zwischenfälle passierten. Ein Mann stieg durch das Fenster ins ungesicherte Frauenhaus ein und verletzte seine ehemalige Frau schwer. Das machte Sicherheitsvorkehrungen notwendig.

Das erste Frauenhaus war von Anfang an chronisch überfüllt. Schon 1980 wurde das zweite eröffnet. Heute bieten 29 Frauenhäuser in ganz Österreich misshandelten Frauen und ihren Kindern Zuflucht, 2007 waren das mehr als 3.000 Personen. Gemessen an einer Empfehlung des Europäischen Parlamentes fehlen in Österreich noch zirka 250 Plätze.

Nach wie vor Bedarf

Das 1997 geschaffene Gewaltschutzgesetz mit dem Wegweiserecht und andere Maßnahmen gegen Gewalt haben die Situation der Frauen rechtlich verbessert, den Bedarf an Frauenhäusern aber nicht beseitigt: Sie sind gut ausgelastet.

Das Zusammenleben im Haus und die Arbeitsaufteilung erfolgen heute strukturierter und professioneller. Das Wissen über die psychischen Folgen von Gewalt für Frauen und Kinder ist gewachsen, dementsprechend haben sich die Beratungsangebote entwickelt. Das Sie-Wort hat das Du-Wort abgelöst, die Abgrenzung zu den Bewohnerinnen wird deutlicher gezogen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind streng.

Ein bisschen wehmütig

Obwohl die Gründerinnen von damals diese Entwicklung heute überwiegend für gut und wichtig befinden, blicken sie doch mit ein wenig Wehmut zurück, vor allem auf das damals vorherrschende Gefühl: "Wir können alles erreichen und alles durchsetzen! Gemeinsam sind wir Frauen stark." Dieser feministisch motivierte Zugang der Mitarbeiterinnen sei etwas verloren gegangen, bedauert die Leiterin eines Frauenhauses, die seit den Anfängen dabei ist.

Gänzlich werde sie die Angst vor ihrem Ex-Mann wohl nie verlieren, meint Selma. Sie ist inzwischen geschieden, hat einen guten Job und wohnt mit ihrer Tochter in einer Nachbetreuungswohnung des Vereins Wiener Frauenhäuser. Bald zieht sie in eine eigene Wohnung. "Vorher war es schlecht, jetzt ist es gut", resümiert die 24-Jährige. Der Schritt ins Frauenhaus war richtig.