Ethnologin des Alltags

Flughafenfische

Selten noch hat der Titel eines Romans so exakt den Inhalt wiedergegeben wie beim aktuellen Buch der Woche. Bei "Flughafenfische" der deutschen Schriftstellerin und Journalistin Angelika Overath geht es genau darum: Um Flughäfen und Fische.

Flughäfen sind Nicht-Orte par excellence. Menschen kommen an, Menschen fliegen ab, Menschen gehen, laufen oder flanieren durch lange Gänge oder Duty-Free Geschäfte. Die Begegnungen sind zufällig, kurz und meist ohne Folgen.

Angelika Overath beobachtet in ihrem neuen Roman drei Personen. Da ist Elis, eine Fotoreporterin, die auf ihren Anschlussflug wartet. Viel hat sie gesehen, viel erlebt, von ihrem Freund - einem Piloten - hat sie sich gerade getrennt. Sie zweifelt an ihrem Leben, alles kommt ihr schal vor. Und als sie durch den Flughafen schlendert, steht sie plötzlich vor einem riesigen Aquarium.

Dieses 200.000 Liter Meerwasserbecken soll dem Flughafen ein einzigartiges Flair verleihen. Kein Plastik, keine toten Kalkskelette gibt es hier zu sehen, sondern nur lebende Steine, Korallen, Anemonen, Schwämme, Algen, Muscheln, Krebse und Fische.

Fischwärter Tobias

Für die Erhaltung dieser riesigen Sehenswürdigkeit ist Tobias verantwortlich. Er hegt und pflegt die Fische, er züchtet Seepferdchen und steht den Besuchern bei Fragen Rede und Antwort.

Im Raucherfoyer trinkt unterdessen ein alternder Biochemiker seinen Whiskey. Als Wissenschafter hat er internationales Renommee erlangt und ist gefragter Berater von Pharmafirmen. Gut verdient hat er immer, aber doch ist er zutiefst unglücklich. Seine Frau hat ihn verlassen. Nach dreißig Jahren per SMS.

Und das Alter setzt ihm auch zu. Jung, das war früher. Jetzt besteht das Leben aus Arztterminen, Schlaffheit der Haut und reptilienhaften Falten am Hals. Retrospektiv betrachtet hätte er vieles anders gemacht. Sich mehr um die Frau gekümmert. Sie nicht immer nur als Repräsentationsobjekt gesehen.

Unzufriedene Protagonisten

Die drei Protagonisten des Romans sind alle nicht besonders zufrieden. Tobias ist ein einsamer Mann, der nicht viel anders im Leben hat als seine Seepferdchen. Elis, die Fotografin ist müde von den andauernden Flügen, den immer gleichen Fotos, die sich schießen muss. Was sieht sie denn von der Welt, wenn sie um den Globus jagt? Was nimmt sie mit, außer den immer gleichen Fotos, die dann von der Redaktion geschönt werden? Alles wird eines und übrig bleibt nur die bleierne Müdigkeit.

2006 las Angelika Overath beim Bachmannpreis einen Auszug aus diesem Roman. Die Meinungen der Jury waren geteilt. "Interessante Aspekte" erkannten die einen und sahen einen "Aufriss zweier unterschiedlicher Weltsichten". Burkhard Spinnen brachte den Plot der Geschichte auf den Punkt "Das ist eine klassische amour fou minus amour plus Fische".

Die Schwächen des Textes

Jetzt da der gesamte Roman vorliegt, werden die Schwächen des Textes, den manchen Kritiker beim Wettlesen in Klagenfurt konstatiert haben, deutlich sichtbar. "Das lebt nicht", konstatierte Iris Radisch damals und dem kann man nur zustimmen. Die Personen wirken konstruiert, sie reden nicht, sondern sie führen Diskurse, die in ihrer Vorhersehbarkeit äußerst platt sind.

Tobias, der Pfleger des Aquariums, spricht nicht gerne und ist scheu - klar, Tierpfleger sind nun mal so. Elis, die Fotoreporterin, macht sich ein paar Gedanken, wie ungerecht die Welt ist, wie schwer sie arbeitet und das das alles sie nicht mehr interessiert. Und der Mann, der in der Raucherzone seine Zigaretten und seinen Whiskey konsumiert, ist der Prototyp des erfolgreichen aber emotional leeren Mannes. Ja, ja, so müssen erfolgreiche Männer sein - vor allem wenn sie durch die Brille von über 50-jährigen Schriftstellerinnen gesehen werden.

Probleme der Seepferdchen-Zucht
Wirklich seltsam an dem Roman ist aber die Überfülle an Passagen über Fische; wie sie leben, was sie fressen, was sie so tun. Wie man sie am besten pflegt, was es zu vermeiden gilt. Über gezählte vier Seiten hinweg schreibt Overath über die Probleme, die man hat, wenn man Seepferdchen züchten will:

Man brauchte Plankton für die Kleinen, und das musste erst gezogen werden, am besten in mehreren Becken, damit man Plankton in allen Stadien auf Vorrat hatte. Und dann waren verschiedene Kleinaquarien nötig. Eines, in dem der Vater gebären konnte, Strömungspumpen ganz schwach einstellen, Filter und Abschäumer für die Geburt abstellen. Denn wenn der Vater einen Schwarm von Neugeborenen aus seinem Bauch entließ, dann war das ja nur eine empfindliche Wolke, ein taumelnder Hauch, winzigster, aber schon vollentwickelter Seepferdchen.

Mit etwa vier Wochen kommen die Seepferdchen dann in ein Aufzuchtbecken, wobei es darauf zu achten gilt, auch dort keine lebenden Steine zu verwenden, kann man sich doch nicht sicher sein, dass in den Aushöhlungen nicht ein Krebs haust. Und das ist erst der Anfang der Mühsal.

Warten auf den Anschlussflieger
"Da muss doch noch was kommen", denkt sich der Leser im Laufe des Romans. "Das kann doch noch nicht alles gewesen sein." Aber es ist alles.

Als "Ethnologin des Alltags" versteht sich Angelika Overath und so gesehen hat sie mit ihrem Buch ihr Ziel erreicht. Denn die Lektüre dieses Romans ist genauso spannend wie das Warten auf den Anschlussflieger. Der sich verspätet und verspätet und verspätet. Außer natürlich für Abonnenten der Fachzeitschrift "Aquarium Live", die sich selbst als "modernes Süßwasser-Magazin", bezeichnet und sechs Mal pro Jahr erscheint. Die Leser dieser Publikation werden den Roman lieben.

"Das Buch der Woche" ist eine Aktion von Ö1 und Die Presse.

Hör-Tipps
Buch der Woche, Freitag, 19. Juni 2009, 16:55 Uhr

Ex Libris, Sonntag, 21. Juni 2009, 18:15 Uhr

Buch-Tipp
Angelika Overath, "Flughafenfische", Luchterhand Verlag