Im Tatra T87 um die Welt

Der Tatra T87 ist der eigentliche Star, als die Ingenieure Jiri Hanzelka und Miroslav Zikmund 1947 zu ihren Reisen um die Welt aufbrechen. Als Botschafter der Industrie wollten sie den Ruf der Tschechoslowakei in die Welt tragen.

Ihr gemeinsamer Traum, nach dem Studium die Welt zu sehen, ist der Beginn einer lebenslangen Passion und einer außergewöhnlichen Freundschaft: Jirí Hanzelka und Miroslav Zikmund lernen einander im Herbst 1938, bei der Anmeldung zum Ingenieursstudium an der Universität Prag, kennen. Doch schon ein Jahr später schließen die deutschen Besatzer alle tschechischen Hochschulen, die beiden müssen in der Landwirtschaft und als Buchhalter arbeiten. Ihr gemeinsames Ziel verlieren sie aber nicht aus den Augen: Während des Krieges entsteht ihre umfangreiche Materialsammlung über alle zu bereisenden Länder, mit Statistiken über Bevölkerung, Wirtschaft und Wetter, mit Landkarten, Plänen und Reiseberichten.

Symbol der Moderne

Nach dem Krieg beenden sie ihr Ingenieursstudium und wenden sich an die Tatra-Werke, damals einer der innovativsten Autokonzerne Europas. Die beiden 25-Jährigen wissen genau, was sie wollen: den T87, ein Symbol der Moderne und der Stromlinie, eine nahezu futuristische Limousine mit Achtzylindermotor, einer riesigen Heckflosse und natürlich einem Schiebedach. Seine Höchstgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern verdankt er seinem CW-Wert (Strömungswiderstandskoeffizient) von 0,29, den selbst heutige Autos nur selten erreichen.

Für die Tatra-Direktoren haben Hanzelka und Zikmund ein umfangreiches Sponsorkonzept in der Tasche: Das "Projekt Nr. 5" beinhaltet eine Reise rund um den Globus, über alle Kontinente. Mit ihrer Fahrt wollen sie Tatra vor allem in den Dritte-Welt-Ländern bekannt machen, dort hat die Tschechoslowakei noch keine Handelsvertretungen, aber ein großes Verkaufspotenzial, argumentieren die beiden anhand ihrer Statistiken.

Zusätzlich wollen sie regelmäßig mittels Zeitungen und Rundfunk über ihre Reise berichten und ein "Fenster zur Welt" sein. Die Tatra-Direktoren sind beeindruckt von den detaillierten Vorbereitungen und dem Enthusiasmus der beiden. Hier handelt es sich nicht nur um einen Wunschtraum, sondern um ein konkretes Unternehmen, eine Technik-Utopie in der Mitte des 20. Jahrhunderts, sorgfältig geplant von den typischen Vertretern ihrer Zeit: den Ingenieuren.

Durch die Nubische Wüste

Hanzelka und Zikmund starten ihre Weltreise mit einem bestens ausgerüsteten T87 am 22. April 1947. Eine Reise mit Stil, im Armaturenbrett der eingebaute Rasierer, am Kleiderbügel weiße Hemden und zwei schwarze Anzüge. Die beiden verstehen sich schließlich auch als Korrespondenten und Vertreter der Tatra-Werke. Von Prag geht es quer durch Europa nach Marseille, wo der Wagen nach Casablanca verschifft wird.

Entlang der afrikanischen Mittelmeerküste fahren sie nach Kairo und schließlich den Nil entlang bis Assuan. Hier beginnt ihr größtes Abenteuer: die Durchquerung der Nubischen Wüste, ein Gebiet von der Größe Deutschlands, in dem sich nur 18 Brunnen befinden und nur wenige Kilometer Sandpiste. Die beiden jungen Abenteurer sind die Ersten, die sie mit einem serienmäßig hergestellten Personenwagen durchqueren. Nicht nur in Afrika machen sie damit Schlagzeilen, auch in der Tschechoslowakei berichtet der Rundfunk jede Woche über ihren Reiseverlauf.

Ab 1948 zu Kommunisten gestempelt

Der Tatra-Konzern unterstützt das mediale Interesse und richtet ein eigenes Fotoarchiv für die Presse ein. Auf ihrer weiteren Reise nach Südafrika hissen Hanzelka und Zikmund die tschechoslowakische Fahne am Kilimandscharo, seilen sich für Filmaufnahmen die Victoriafälle hinab und gehen mit den Bambuti-Pygmäen auf Elefantenjagd.

In ihrer Heimat wird mittlerweile Geschichte geschrieben: Im Februar 1948 übernehmen die Kommunisten unter Klement Gottwald die Macht in der Tschechoslowakei. Die Tatra-Werke werden verstaatlicht, und auch die beiden Abenteurer sind nun Bürger eines kommunistischen Landes. Die europäischen Kolonialherren, die noch immer nahezu ganz Afrika regieren, beobachten sie ab jetzt misstrauisch.

Kultur- und Ideologiekritik

Ihre zweite Etappe führt sie von Argentinien aus über Brasilien zu den Kordilleren. Ihre Abenteuer verbinden sie mit deutlicher Kultur- und Ideologiekritik: In Afrika prangern sie die europäischen Kolonialmächte an, in Lateinamerika Großgrundbesitzer und amerikanische Konzerne, "die ihre Bananenrepubliken schamlos ausbeuten". Kein Wunder also, dass FBI und CIA die beiden "kommunistischen Agenten" auf ihrem Weg durch Südamerika genau observieren, dreimal wird ihr Ansuchen um ein US-Touristenvisum abgelehnt. In Panama und Costa Rica werden sie mehrmals verhaftet und durchsucht.

Ende 1950 kehren sie in die Tschechoslowakische Republik zurück. Nach ihrer dreieinhalbjährigen Reise sind sie in der Heimat durch über 700 Radioreportagen mittlerweile sehr populär. In den Tatra-Werken wird ihr Wagen bis auf die letzte Schraube zerlegt und analysiert, Abnützungen werden genauestens protokolliert. Doch die Zeit der Achtzylindermotoren läuft ab und die Produktion des T87 wird bald eingestellt.

Bestseller der Reiseliteratur

In der kommunistischen CSR der 1950er Jahre leben Hanzelka und Zikmund in Zlin, ihre Häuser befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Freunde heiraten, werden Väter und schreiben mehrere Reisebücher. Ihre Klassiker "Afrika - Traum und Wirklichkeit" und "Bei den Kopfjägern" werden in elf Sprachen übersetzt (deutsche Ausgaben sind heute noch im Antiquariat leicht zu finden).

Doch die beiden Familienväter planen schon ihre nächste Reise, diesmal mit der vollen Unterstützung der KP. Das bedeutet: Zwei Fahrzeuge vom Typ Tatra 805 werden zur Verfügung gestellt, ein Regisseur, zwei Tontechniker und ein Arzt sollen sie begleiten. Die beiden geländegängigen Kleinbusse sind Tatra-Sonderanfertigungen. Ausgestattet wie Campingwagen, haben sie auch Funkanlage und Fotolabor an Bord.

Eine "peinliche" Erinnerung

Im April 1959 brechen sie auf, fünfeinhalb Jahre wird ihre zweite Reise dauern. Ihre Frauen bleiben mit den Kindern natürlich zu Hause, für Miroslav Zikmund "ist das bis heute eine sehr peinliche Erinnerung".

Zunächst verläuft alles wie geplant: Über ein Jahr reisen sie durch die arabischen Länder, ein weiteres verbringen sie in Indien, Ceylon und Nepal. Regelmäßig sind sie in der Wochenschau zu sehen, mehrere abendfüllende Dokumentationen entstehen. Über Thailand und Indonesien nähern sie sich schließlich Australien. Doch wieder wird ihnen, unter dem Vorwand, kommunistische Spione zu sein, die Einreise verweigert. Die mitgeführte Funkanlage reicht als offizielle Begründung, da hilft auch die Intervention des tschechoslowakischen Botschafters nicht. Die enttäuschten Abenteurer finden Trost in der exotischen Inselwelt Südostasiens, die sie mit zahlreichen Schiffspassagen bis nach Japan hinauf durchqueren.

Durchquerung der Sowjetunion

Vier Jahre sind sie mittlerweile unterwegs, doch erst jetzt treten Hanzelka und Zikmund der KP bei. Vor ihnen liegt schließlich die geografisch und politisch schwierigste Etappe: Sie sind die ersten Ausländer, denen die Durchquerung der Sowjetunion gestattet wird.

Regierungschef Leonid Breschnew empfängt sie persönlich. Er wünscht sich von den beiden welterfahrenen Wirtschaftsingenieuren einen Bericht zur ökonomischen Lage der UdSSR. Eine heikle Aufgabe, die ein weiteres Jahr in Anspruch nimmt. Kreuz und quer fahren sie durch das weite Land, besuchen Kolchosen, Bergwerke und Industrieanlagen.

Für die abgelegenen Ölförderanlagen im Norden Sibiriens stellt Moskau sogar Flugtickets zur Verfügung. Mit den umfangreichen Aufzeichnungen und Wirtschaftsdaten kehren Hanzelka und Zikmund im Sommer 1964 in die CSSR zurück. Sie werden begeistert empfangen. Jetzt sind sie am Höhepunkt ihrer Popularität, sind Stars geworden. Ihre Reisebücher erreichen eine Auflage von 6,5 Millionen.

Ihrer Zeit voraus

Nur über die Sowjetunion erscheint kein Buch, denn ihr "Sonderbericht über die wirtschaftliche Lage der UdSSR" wird als geheim eingestuft und verschwindet sofort in den Archiven der KP. Der kritische Bericht ist keine Lobeshymne auf Planwirtschaft und Kommunismus, im Gegenteil: Schockierende Beispiele von Misswirtschaft werden da aufgelistet und provokante Fragen gestellt: "Wo sind die Bremsen der sozialistischen Entwicklung der UdSSR? Wie sind sie entstanden? Warum dauern sie noch an? Wie kann man sie beseitigen?"

Hanzelkas und Zikmunds Lösungsvorschläge sind ihrer Zeit weit voraus - erst 25 Jahre später wird die Perestroika-Politik sie umsetzen. In der UdSSR werden die beiden als "antisozialistisch" abgestempelt, doch in der Heimat schützt sie ihre Popularität, zumindest bis zum 20. August 1968.

Harsche Kritik an der UdSSR

Während sowjetische Panzer durch Prag rollen, wendet sich Miroslav Zikmund in einer emotionalen Radioansprache auf Russisch an die Besetzer: "Liebe sowjetische Freunde, es sprechen Juri und Miroslav, Mirek und Jura, Reisende und tschechoslowakische Schriftsteller, Journalisten und Kameraleute, die durch Afrika, Amerika, Europa, Asien und die UdSSR gereist sind. So oft haben wir nette Freunde getroffen und auf die Gesundheit angestoßen, wir haben so viele schöne Orte der UdSSR gesehen. Doch jetzt stehen in unseren Straßen sowjetische Menschen, die ohne Einladung gekommen sind, mit Flugzeugen und Tausenden Panzern. Sie sind ins KP-Gebäude eingedrungen, haben mit Gewalt das Plenum beendet, Dubcek entführt und den Premierminister verhaftet. Auf Prager Straßen fließt Blut!"

Das neue Regime handelt schnell. Hanzelka und Zikmund werden aus der Öffentlichkeit verbannt, aus der KP und dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, ihre Bücher beschlagnahmt. Über zehn Jahre sind sie arbeitslos, verdienen ein bisschen Geld als Heizer und Gärtner, eine Pension wird ihnen verweigert. Nach und nach müssen sie ihre Ausrüstung verkaufen, auch ihre beiden Lieblingskameras Linhof und Rolleiflex.

Von Havel rehabilitiert

21 Jahre dauert die Zeit der Demütigung, und langsam werden sie vergessen. Bei den illegalen Treffen der Intellektuellen um Václav Havel sind sie jedoch dabei, Hanzelka gehört zu den Erstunterzeichnern der Charta 77. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs werden sie von Präsident Havel rehabilitiert.

1999 erscheint Jirí Hanzelkas letztes Buch "Über die Toleranz", im Februar 2003 stirbt er nach schwerer Krankheit. Miroslav Zikmund erfüllt sich seinen alten Traum: Der Pensionist fliegt nach Australien und unternimmt zahlreiche weitere Reisen. Nach wie vor lebt er in Zlin, ist publizistisch tätig und archiviert sein Lebenswerk.

Zwischen allen Fronten

In der Tschechischen Republik steht bis heute eine kritische Auseinandersetzung mit der öffentlichen Rolle Hanzelkas und Zikmunds aus. Waren sie kühne Abenteurer, naive Patrioten, subversive Grenzgänger oder Marionetten des kommunistischen Systems? Dass ihre Popularität in der Nachkriegs-Tschechoslowakei von der KP instrumentalisiert wurde, steht außer Zweifel. Doch in erster Linie waren sie wohl zwei einfache, ehrliche Ingenieure, die die Welt sehen wollten und dabei in das Räderwerk des Kalten Krieges gerieten. Sie entschieden sich weder für die eine noch für die andere Seite, sondern bewegten sich zwischen den Fronten. Ein Balanceakt, der nicht gut gehen konnte - am Ende saßen sie zwischen allen Stühlen.

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Wikipedia - Tatra 87