Eine Amazonenoper
Die Regentin komponiert
Maria Antonia Walpurgis war am Dresdner Hof um 1750 zugleich Politikerin und Künstlerin. Im Mittelpunkt der von ihr gedichteten und komponierten Oper "Talestri" stehen die gegen die Männerherrschaft kämpfenden Amazonen der griechischen Antike.
8. April 2017, 21:58
Maria Antonia Walpurgis Symphorosa, Prinzessin von Bayern, war Wittelsbacherin, 1724 in München geboren. Als sie, eine der europaweit "besten Partien", mit 23 den sächsischen Kurfürsten Friedrich Christian heiratete, schrieben Christoph Willibald Gluck und der Dresdner Hofkomponist Johann Adolf Hasse die Festopern. Denn die künstlerischen Interessen von Maria Antonia Walpurgis gingen weit übers Standes- und Pflichtgemäße hinaus.
In München studierte sie beim berühmten Nicola Porpora, in Dresden sogar beim "caro sassone" Hasse, der dann auch vor ihr Gedichtetes vertonte. Man erlebte sie bei Hof bei Opernaufführungen singend oder am Cembalo, sie war Kunstmäzenin, sie trat der Opern-reformatorischen Accademia dell'Arcadia in Rom bei, deren Patronin Königin Christina von Schweden war, sie korrespondierte mit Pietro Metastasio genauso wie mit Friedrich dem Großen - und sie komponierte.
In Anlehnung an die römische Accademia veröffentlichte Maria Antonia Walpurgis, die dem Orden der "Sklavinnen der Tugend" angehörte, schon ihre Erstlingsoper "Il trionfo della fedeltà" unter dem Pseudonym ETPA in Druck: "Ermelinda Talea Pastorella Arcadia".
Höfischer Amazonenkult zwischen Rom, Paris und Dresden
Apropos Christina von Schweden: Sie ließ sich mehrfach in "Amazonentracht" abbilden, mit Brustpanzer und Helm, und stand damit nicht allein. Speziell in Frankreich, wo es Interimsregierungen unter weiblicher Führung gegeben hatte, blühte der Amazonen-Kult.
Herrscherinnen gefielen sich in Amazonen-Pose, mit Speer, Helm, Federbusch, die "femme forte" war das Ideal, Ballett- und Opernautoren griffen die Anregungen begeistert auf. Obwohl Maria Antonia Walpurgis' "Talestri" in dieser Tradition steht, setzt sie doch eigene Akzente.
Maria Antonia Walpurgis an der Macht
Noch während der Herrschaft ihres Schwiegervaters arbeitete Maria Antonia Walpurgis mit ihrem Mann ein Reformprogramm für Sachsen aus: Budgetsanierung, "Untertanen"-Wohlfahrt - ein ganzes politisches Gebäude. Und Maria Antonia kam ans Ruder: Während des Siebenjährigen Krieges, der regierende Kurfürst hielt sich im Ausland auf, teilte sich das junge Paar die Regierungsgeschäfte, wobei Finanzen und Außenpolitik zu ihren Aufgaben gehörten.
In diese Zeit fiel ein Großteil der Arbeit an der Oper "Talestri, Regina delle amazzoni", die sich Maria Antonia Walpurgis buchstäblich auf den Leib schrieb: Sowohl die Musik als auch das Libretto waren von ihr verfasst, und bei der Uraufführung ein paar Jahre später sollte sie auch noch die Titelrolle verkörpern.
Keine Amateurarbeit: "Talestri"
Schon Homer ließ die jungfräulichen Amazonen "wie ein Mann" kämpfen. Die Opernbühne bevölkern die "Brustlosen“ (weil bereits jungen Mädchen die Brust abgebunden wurde, um den Umgang mit Pfeil und Bogen zu erleichtern) oder auch "Brotlosen“ (weil sie mit Fleischkost Muskelaufbau betrieben) meistens jagdlustig, jungfräulich, am Ende aber doch im Hafen der Ehe landend.
"Talestri" betont - autobiographisch? - eher das Hineinwachsen der titelgebenden Amazonenkönigin in die Regierungsverantwortung, das aber mit mitreißender Musik: lebendig, in den Accompagnato-Rezitativen am Puls der Zeit, in Duetten und langsamen Nummern substanzreich. Auffallend die Handlungspointe am Ende der Oper: Auch Talestri verlässt die Bühne am Arm ihres neuen Gemahls, aber sie wird ihr Reich getrennt vom seinem weiter führen, stark und unabhängig.
1760 im Münchner Schloss Nymphenburg wurde "Talestri" erstmals gespielt, mit der Autorin als Talestri, und selbst dem europareisenden Musikchronisten der Ära, Charles Burney, gefiel sie sehr. Weitere Bühnenwerke hat Maria Antonia Walpurgis danach nicht mehr geschrieben. Dafür stand sie, nach dem frühen Tod von Friedrich Christian, noch einmal an der Spitze Kursachsens - an der Seite ihres Schwagers. Sobald ihr ältester Sohn volljährig die Regentschaft antreten konnte, zog sich Maria Antonia Walpurgis von der Macht zurück.
Hör-Tipp
Apropos Oper, Donnerstag, 30. Juli 2009, 15:06 Uhr
