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Arusha, Tansania, Afrika: Ein Ort, an dem Luxushotels sprießen wie die Fliegenpilze. Daneben: Dreck, Slums. Man legt großen Wert auf ein sauberes Stadtbild und beschließt, Straßenkinder zeitweise zu beseitigen: Operation "Make the City Clean".

16. August 2008: Nach einer langen, argen, gefährlichen. vermutlich ziemlich typisch afrikanischen Busreise, bei der man einige Male um sein Leben bangen muss, bin ich heute in Arusha angekommen. Heute Vormittag bin ich in Nairobi gestartet und in einem Höllentempo sind wir in Richtung Tansania gerauscht.

So beginnt die auditive Reise der Autorin Iris Nindl. Es war ihr dritter Besuch in Arusha, einer Stadt im Norden Tansanias. Die ersten beiden Male hatte die Sozialarbeiterin und Überlebenstrainerin aus Zell am See insgesamt ein Jahr in einem Center für Straßenkinder gearbeitet. Dieses Mal wollte sie nicht mehr arbeiten, sondern mit einem kleinen Aufnahmegerät das Leben der Straßenkinder protokollieren. Ein großes Mikro und Kopfhörer wären für eine weiße Frau zu auffällig, zu gefährlich gewesen.

Eine "saubere" Stadt

Im Osten Arushas gibt es schöne Hotels, Tourismusbüros, Safariunternehmen, Sauberkeit. Im Westen: Lehmhütten, Märkte, Menschen, die fünf Tomaten oder zehn Zwiebeln verkaufen, Müll, Schmutz, Lärm, Armut. Der Großteil der Menschen lebt dort. Die Stadtverwaltung versucht, die Armut mit aller Gewalt nach außen zu drängen: Sie legt Wert auf ein sauberes Stadtbild. Man beschließt, alles was dieses Bild stört, von Zeit zu Zeit zu beseitigen: Straßenkinder, Obdachlose, Leprakranke - Operation "Make the City Clean".

Mit lautem Getöse transportiert ein Lastwagen diese Menschen ab, vor allem dann, wenn wichtige Geschäftsleute oder Politiker für einen Besuch angekündigt sind.

Gefängnisse für Kinder

Die Kinder werden in ein Remand Home, ein Gefängnis für Kinder, gesteckt. Es gibt dort keine Betten, kein fließendes Wasser, es gibt nur einmal Essen am Tag - Ugali- Maisgries. Wenn die Kinder frei gelassen werden, kehren sie auf die Straßen zurück.

"Ich selbst habe während meiner Besuche in Arusha diese Säuberungsaktionen schon einige Male beobachtet, ich stehe jedes Mal wieder am Straßenrand, blicke auf den vorüberfahrenden blauen LKW, sehe die bunten Gewänder durchs Gitter durch, die ängstlichen Gesichter der Kinder, jedes Mal wieder fühle ich mich in diesem Moment wie gelähmt", sagt Iris Nindl.

Sie hat die Kinder aufgenommen: Beim Fußballspielen und Tanzen, beim Singen und beim Erzählen ihrer Lebensgeschichte: Da wäre Viktor Ebenessa, dessen Beine sein Bruder mit einem heißen Messer verbrennt, Freddy Muhamedy, dessen Mutter an Malaria stirbt, Daudi Alois, dessen Stiefmutter seinen Vater vergiftet, Jumo Mussa, der ein halbes Jahr wegen Herumlungerns ins Gefängnis gesteckt wird. "Das Leben auf der Straße ist wie das Leben im Gefängnis. Die Probleme ähneln sich. Wobei: Eigentlich denke ich, dass das Leben im Gefängnis sogar besser ist. Im Gefängnis wirst du beschützt", erzählt er.

Angst vor Straßenkindern

"Die Armut hat in den letzten Jahren stark zugenommen, der Tod ist Alltag, niemand denkt an die Zukunft", sagt Iris Nindl, die sich vor allem für die Straßenkinder einsetzt. Die Angst der Einheimischen kann sie nicht nachvollziehen. "Die haben sich noch nie Gedanken gemacht, warum die Kinder auf der Straße sind. Die meinen alle, die tun das freiwillig und absichtlich und die haben sich das ausgesucht und die wollen einfach nur Sachen stehlen und die wollen die Gegend unsicher machen. Aber dass die keine Alternative haben und dass die sich das nicht freiwillig ausgesucht haben und dass die auch lieber ein Zuhause hätten, auf diese Idee kommt niemand", so die Autorin.

Kulturschock zu Hause

Mehr als 20 Stunden hat Nindl für ihre erste Radioarbeit aufgenommen. Zu Hause kam dann der Kulturschock: "Ich bin in ein Geschäft gegangen und die ganzen Regale brechen jetzt über mir zusammen. Ich dachte mir, ich werde da drinnen erdrückt. Ich hatte wirklich das Gefühl, dieser ganze Konsumwahn erdrückt mich. Monatelang konnte ich in kein Geschäft mehr gehen."