Die Schriftstellerin Ilse Helbich

Schwalbenschrift

Ilse Helbich, geboren 1923, promovierte in Germanistik und war als Verlagskauffrau und Publizistin tätig. Sie war über drei Jahrzehnte lang verheiratet und ist Mutter von fünf Kindern. Erst spät, mit 80 Jahren, begann sie zu schreiben.

"Ein Wagnis, ein Selbstgespräch, ein literarischer Eingriff am offenen Herzen!" So urteilten Kritiker über den Roman "Schwalbenschrift" der Autorin Ilse Helbich. Es war ein spätes Debüt als Schriftstellerin, denn als das Buch 2003 erschien, feierte Ilse Helbich ihren 80. Geburtstag.

Inzwischen sind weitere Bücher der Autorin erschienen. "Sieben Erzählungen aus dem späten Leben" lautet der Untertitel des Bandes "Iststand". "Die alten Tage" heißt eine Erzählung über eine ältere Frau, die ihr Leben reflektiert.

Im Buch "Das Haus" versucht eine Frau mit 60 noch einmal den Neuanfang. Sie erfüllt sich einen Herzenswunsch und kauft ein altes Haus auf dem Land. Es wird aufwendig restauriert, aus dem baufälligen Anwesen - dem "verletzten Haus", wie es im Buch genannt wird - soll ein Refugium werden.

"Die Arbeit an den Büchern hat mir geholfen", sagt Ilse Helbich im Gespräch. "Mein Blick auf mein Leben, auf meine Kindheit, auch auf meine Eltern hat sich durchs Schreiben verändert."

Über das Leben reden

In ihrem Buch "Schwalbenschrift" redet eine Frau über ihr Leben, und das mit großer Offenheit. Aus der Distanz heraus ist der Blick auf die eigene Familie, aber auch auf das eigene Verhalten als Tochter und später als Mutter - ein überaus kritischer. "Ich möchte so unverstellt wie möglich von mir und meinem Leben erzählen", sagt Ilse Helbich.

"Ihre lichten Erinnerungsbilder haben oft Echsenbach und das Großelternhaus zum Mittelpunkt" schreibt Ilse Helbich im Buch "Schwalbenschrift".

Der Großvater, klein, untersetzt, mit lebhaften Augen und einem Schnurrbart, den der Friseur, der jeden Morgen ins Haus kommt, nach der Wangenrasur sorgfältig gebürstet, hochgezwirbelt und hinter einer eindrucksvollen Bartbinde fixiert hat, ist der aus der Familie, den das Mädchen liebt. (...) Aber wo ist die Mutter? Es ist schwer, an die Mutter von damals zu denken, schwer deshalb, weil sie nicht handnah, hautnah da war.

Die Mutter beschreibt sie in der Erinnerung als "anwesend und abwesend zugleich", als "Fremde in ihrem eigenen Haus".

Ein abwesender Vater

"Mein Zuhause? Ich war im Stall zuhause", sollte Ilse Helbich später einmal antworten, auf die Frage nach ihrer Kindheit. Über ihren Vater schreibt sie:

Der Vater ist ein abwesender Vater, der dennoch anwesend ist in seiner strengen Ordnung, in seinen Geboten, Befehlen, denen widerwillig auch die Mutter gehorcht.

"Seine Pflicht erfüllen!" ist der Wahlspruch des Vaters. Manchmal sagt er es anders: "Du wirst arbeiten, dass dir die Schwarten krachen."

Wegen Unterernährung dienstuntauglich

Die junge Ilse wird nach der Matura zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, sie wird einer Waschküche in einem Barackenlager in Oberösterreich zugeteilt. Später kommt sie in den Außendienst, sie muss bei Bauern arbeiten. Bei der Untersuchung im "Arbeitsdienstkommando" wird sie wegen Unterernährung als dienstuntauglich erklärt und zum Kriegshilfsdient in einem Säuglingsheim eingeteilt.

Ab 1941 darf Ilse Helbich in Wien studieren, sie entscheidet sich für Germanistik, aus Liebe zur Literatur. Der Krieg fordert immer mehr Opfer, täglich hört man im Radio neue Frontmeldungen, wird vom Luftkrieg berichtet. Das Elternhaus ist zerstört, die Familie flüchtet in das Haus des Großvaters. Die Mutter und die Tochter nähen kleine Beutel, in denen ein wenig Schmuck und Geldstücke Platz hat, sie werden diese Beutel ab nun immer um den Hals tragen. Rucksäcke werden gepackt, für den Notfall, Ilse Helbich findet in den Trümmern ihres Elternhauses einen Gedichtband von Hölderlin, reißt sich einige Seiten mit besonders geliebten Gedichten heraus, Seelenproviant für die bevorstehende Flucht.

1945 geschieht Unfassbares, Schreckliches. Die Tochter wird von russischen Soldaten vergewaltigt, die Familie flieht aus der Stadt, in die Weinberge, sie finden Unterschlupf bei einem Arzt, der sie aufnimmt. Es kommen schwierige, mühevolle Jahre, eine Unterkunft muss gefunden haben, genug zum Essen für alle. Der Bruder kommt vom Krieg zurück, mit Tuberkulose und hohem Fieber, beide Lungenflügel sind stark angegriffen, der 17-Jährige war zu lange ohne ärztliche Betreuung geblieben. Jahre später stirbt er an den Folgen der Erkrankung, die er sich im Krieg zugezogen hat.

Es wird besser

Die Familie kann den Betrieb nach dem Krieg weiter führen, die wirtschaftliche Lage wird besser. Ilse Helbich schließt ihr Germanistik-Studium ab und beginnt eine Ausbildung bei einem Verlag. Sie absolviert ein Lehrjahr in einer Buchhandlung und wird Mitarbeiterin in einem renommierten Verlag.

Auch in ihrem Privatleben sollte sich viel verändern. Ein neues Leben beginnt. Sie heiratet, eine Familie wird gegründet, fünf Kinder werden im Lauf der nächsten Jahre geboren. Ilse Helbich kümmert sich um ihre fünf Kinder, sie schreibt Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften, sie gestaltet Sendungen für den Rundfunk, so etwa eine vielbeachtete Sendung über Ludwig Wittgenstein, auch ein Film zum Leben und Werk von Wittgenstein entsteht.

Die Ehe ist konfliktbeladen, die Spannungen werden größer. Nach 30 Jahren Ehe wagt Ilse Helbich einen Neuanfang. In einer leeren Wohnung von Freunden hat es begonnen, das neue Leben. Heute lebt sie allein in einem Haus auf dem Land, das sie sich ganz nach ihren Vorstellungen umgebaut und eingerichtet hat, sie hat ihr "Zuhause" gefunden.

Das Wesentliche formulieren

"Im Schweigen leben" steht in ihrem Buch "Das Haus" zu lesen. Auf einer der letzten Seiten findet sich der Satz: "Es ist gut so."

"Ilse Helbich besitzt ein ganz außergewöhnliches Talent, das Wesentliche zu formulieren, einen fast buddhistischen Sinn für Konzentration und Leere." So steht es im Klappentext zu einem ihrer Bücher, und es ist ein Satz, dem man nur zustimmen kann. Ob im Gespräch oder in ihren Texten - hellwach und konzentriert ist er, ihr genauer Blick auf die Menschen und die Dinge, die sie umgeben.